Saudi-Arabien Saudischer Großmufti will Schach verbieten

Abdul-Asis Al-Scheich hält das Schachspiel für "ein Werk des Teufels". Wie kommt er denn dazu?

(Foto: Hassan Ammar/AP)

Er hält das Spiel für ein Werk des Teufels und sprach eine Fatwa aus. Die Welt lacht. Aber kann man von einer Monarchie Liebe zu einem Spiel erwarten, in dem der König gestürzt wird?

Von Sonja Zekri

Hätte er sich natürlich denken können, der Großmufti, dass das nicht gut ankommt. Dass sie jetzt Witze machen, von wegen beim Schach gebe es Großmeister und keine Großmuftis, haha. Dass jetzt Bilder auftauchen von König und Dame auf Saudisch: Auf dem Haupt eine Krone ohne Kreuz, sondern mit Halbmond, sie in Burka. Und Publizistin Sibylle Berg, die nicht ganz falsch twitterte: "Logisch. Die Figuren sind ja auch nackig."

Überhaupt war "Schach" dann auch ein Twittertrend, genauer, der Großmufti Saudi-Arabiens, Scheich Abdul-Asis Al-Scheich, der das Spiel auf eine Frage in einer Fernsehsendung für verboten erklärt hatte. Es sei "ein Werk des Teufels" wie Alkohol und Glücksspiel, mache "den Reichen arm und den Armen reich", verschwende Zeit und schüre Feindschaft.

Viele Araber lieben Schach

Puh, ja, lieber Scheich, das klingt ja nun sehr, als seien Sie auf dem Weg zur letzten Partie aus Versehen in eine Strip-Poker-Runde geraten. Aber nicht jeder, der sich öffentlich äußert, weiß immer, wovon er spricht, ist ja hierzulande auch nicht anders. Rein operativ gesehen ist der Einwand nicht unlogisch, wer Stunden vor dem Brett hängt, hat weniger Zeit zu beten. Und: Kann man von einer Monarchie Liebe zu einem Spiel erwarten, in dem der König gestürzt wird? Nur lachen sich im Rest der Welt jetzt alle tot über den Großmufti, und allein die ganz Gewieften weisen darauf hin, dass so eine Fatwa ja erst mal nur ein Gutachten, also: eine Meinung ist, und kein Gesetz.

Dazu muss man sagen, dass viele Araber Schach lieben, und der Angriff auf das Spiel der Könige bislang nicht mal im Königreich selber ein kulturelles Erdbeben ausgelöst hat. Beispielsweise meldete sich ein Mitglied des saudischen Schachverbandes zu Wort, Mussa Bin-Thaily, und stellte im Internet klar, dass seine Organisation bislang 70 Veranstaltungen im ganzen Land abgehalten habe. Was sei mit Fußball, den fördere sogar das Sportministerium, dabei gehe es da doch nun wirklich auch zur Sache von wegen Hass und Feindschaft. Überhaupt, die Behörden, es sei doch sehr seltsam, dass der Scheich gerade jetzt auftauche, wo sich der Verband um staatliche Mittel beworben habe. Eine Veranstaltung in Mekka werde wie vorgesehen abgehalten, da werde man ja sehen, ob die Religionspolizei einschreite.

Vielleicht haben alle eine entscheidende Komponente übersehen

Zwischendurch zeigte Mussa Bin-Thaily dann noch das Foto eines echten saudischen Schachbretts, darauf eine Figur mit Krone und Halbmond statt Kreuz, nur war das eine zweischneidige Sache, weil sie den Großmufti möglicherweise noch mehr auf die Palme, den Rest der Welt aber erst auf die Idee mit dem saudischen Schach-Paar gebracht hat. Jedenfalls klang das Ganze bald mehr nach Lokalsport und weniger nach Rushdie. Das wollte wohl auch Schach-Großmeister Garri Kasparow zum Ausdruck bringen, als er im Internet stichelte, die Fatwa sei "dumm", aber wichtiger sei der Kampf für die Demokratie, was es für die tapferen saudischen Spieler nicht leichter machte.

Andererseits kann es natürlich sein, dass alle, alle eine ganz entscheidende Komponente übersehen haben, dass die Sache doch viel größer ist, als es jetzt scheint. Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des Schachspiels kam ja einst bekanntlich Persien zu, also Iran, also dem schiitischen Erzfeind. Na, dämmert's? Großmufti, Großscheich, fragt sich, wer hier ein paar Züge im Voraus gedacht hat.