Von Gerd Kröncke

Einmal im Jahr gehört das kleine Fischerstädtchen Saintes-Maries-de-la-Mer den Zigeunern. Das soll sich jetzt ändern: Der Bürgermeister will die öffentliche Wahrsagerei verbieten.

Es ist ein kleine, sehr alte Stadt unten an der Côte d'Azur, deutsche Touristen haben sie immer schon geliebt, und wenn die Zigeuner, die in Frankreich noch so genannt werden, zu ihrer großen Wallfahrt zusammen kommen, dann ist Saintes-Maries-de-la-Mer umso pittoresker.

Saintes-Maries und die Wahrsagerei: Man hätte es ahnen können, AFP

Die Wallfahrt der Zigeuner in Saintes-Maries-de-la-Mer: Der Bürgermeister des kleinen Fischerstädtchens will den Wahrsagerinnen das Leben schwer machen. (© Foto: AFP)

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Einmal im Jahr treffen sie sich, aber manche haben Saintes-Maries als ständiges Arbeitsfeld gewählt. Die Zunft der Wahrsagerinnen deutet den Leuten die Zukunft. Dass der Bürgermeister sie nun vertreiben will, haben sie freilich nicht voraus sehen können.

Roland Chassain, Monsieur le Maire, hatte eine Weile auf einer Hinterbank in der Nationalversammlung gesessen, seither kennt er Nicolas Sarkozy ganz gut. Wenn der Präsident an die Côte reist, dann schaut er manchmal vorbei. In Saintes-Maries könnte er erfahren, was ihm und Carla noch bevor steht.

Zum Beispiel von Nicole, die mit ihren 68 Jahren die Doyenne der Wahrsagerinnen ist. Man reicht ihr die Hand, sie beschaut sich die Linien, und hinterher sind beide reicher: die Dame in ihrem fröhlichen Zigeuner-Look um ein paar Euro, der Klient um einen optimistischen Ausblick auf die Zukunft. Je großzügiger die Kunden eingeschätzt werden, desto freundlicher fällt die Prognose aus.

"In Saint-Tropez gibt es Brigitte Bardot und hier in Saintes-Maries gibt es die Zigeuner. Wir sind eine Institution," sagt Nicole. Monsieur Chassain sieht das anders. Der Rat der Gemeinde hatte schon vor Jahresfrist einen Beschluss gefasst, wonach die Wahrsagerei in der Öffentlichkeit untersagt ist, nur hatte sich bislang niemand darum geschert. Erst jetzt hat sich der Bürgermeister wieder daran erinnert und die örtliche Polizei angewiesen, Bußgelder zu verhängen. Seither ist das Verhältnis zwischen der Kommune und den Zigeunern gestört.

"Organisierte Abzocke"

Nicole La Gitane, wie sie sich gern nennt, ist die Mutter des Clans, der um die Marienkirche herum die Leute berät. Nicole macht das nun schon seit 45 Jahren, ihre Töchter und Enkelinnen haben früher alle so angefangen. In der Krypta der Marienkirche findet sich die Statue von Sara-la-Kâlis, auch "die Schwarze" oder "die Zigeunerin" genannt. Die Kirche ist eines der Wahrzeichen des Dorfes.

"Wir haben nichts gegen die Zigeuner, auch nicht gegen die Wahrsagerinnen," beteuert der Bürgermeister, "wenn es sechs oder sieben sind, die im Zentrum agieren. Aber manchmal sind es Dutzende, und manche von ihnen beschimpfen die Besucher, wenn sie sich nicht wahrsagen lassen wollen."

Bei den Geschäftsleuten ist die Reaktion eher gemischt. Ein Wirt klagt: "Sie werfen sich auf die Touristen, es ist eine organisierte Abzocke. Wenn das vor meinem Restaurant passiert, dann weiß ich, dass ich soeben einen Gast verloren habe." Andere seiner Kollegen zeigen sich wohlwollender. "Wenn mal keine Wahrsagerin da ist," erzählt einer, "dann fragen uns die Touristen, besonders die Ausländer, wo sie zu finden sind."

Eine "Vereinigung der katholischen Fahrensleute" hat inzwischen die "Hohe Autorität für den Kampf gegen Diskriminierung" angerufen. Das Gremium, das über die Gleichbehandlung wacht, soll entscheiden, ob das Gemeindedekret rassistisch motiviert ist, weil es sich vor allem gegen Sinti und Roma richtet. Die Entscheidung soll vor dem Frühling fallen, bevor die Saison beginnt.

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(SZ vom 02.03.2009/hai)