Sachsen Anwohner erfindet Angriff durch Asylbewerber

  • In Großröhrsdorf hat ein 23-Jähriger den Angriff eines Asylbewerbers vorgetäuscht. Nun ermittelt die Polizei gegen das angebliche Opfer.
  • In der sächsischen Kleinstadt sind seit einigen Tagen 17 Flüchtlinge untergebracht. Nun will das Landratsamt die Notunterkunft nur wenige Tage nach Eröffnung wieder schließen.
  • Die Polizei warnt derweil ausdrücklich vor einer pauschalen Kriminalisierung von Asylsuchenden.
Von Anna Fischhaber

Wo Heime für Asylbewerber eingerichtet werden sollen, reagieren Menschen häufig ablehnend. Wilde Gerüchte machen die Runde. In der sächsischen Kleinstadt Großröhrsdorf hat jetzt ein Deutscher einen Angriff durch einen Flüchtling gemeldet. Kurz darauf hieß es, die gerade erst eingerichtete Notunterkunft für Asylbewerber solle noch vor Weihnachten wieder geräumt werden. Jetzt hat die Polizei bekannt gegeben: Der 23-Jährige hat den Angriff nur vorgetäuscht - weil die Flüchtlinge seit Tagen "Blödsinn machen" würden.

Großröhrsdorf, knapp 7000 Einwohner, liegt im Landkreis Bautzen, etwa 20 Kilometer von Dresden entfernt. Der Homepage der Stadt zufolge gibt es ein Museum, eine Stadtbibliothek, viel Wald und Wasser. Zudem wurde vor einigen Tagen die Notunterkunft für bis zu 50 Flüchtlinge eingerichtet. In der alten, baufälligen Turnhalle sind bislang 17 Menschen unterschiedlicher Nationalität untergebracht, wie der MDR berichtet. Doch schon bald müssen sie wieder raus.

"Die Bürger haben sehr empfindlich reagiert", erfährt man beim Landratsamt. Es sei das erste Mal, dass Flüchtlinge direkt in der Stadt Großröhrsdorf untergebracht worden seien, weil alle bestehenden Unterkünfte überfüllt waren. "Die Bürger haben Angst", sagt der Sprecher. Warum kann auch er nicht genau sagen. Im Rathaus von Großröhrsdorf will man über die Asylbewerber lieber gar keine Auskunft mehr geben.

Von vier Polizeieinsätzen in vier Tagen ist im Netz die Rede. "Riesenärger um Asylheim", titelte etwa die Mopo24. Da hätten die Großröhrsdorfer syrische Großfamilien erwartet und dann seien Männer aus dem "Urlaubsland Tunesien" gekommen. Der Pfarrer des Orts erklärt die Sorgen der Nachbarn hier folgendermaßen: "Nordafrikanische Männer haben nun mal einen anderen Umgang mit Frauen." Die Turnhalle werde von der Polizei überwacht, heißt es in dem Bericht weiter. Auf Facebook wird zu Demos gegen die Unterkunft neben einem Spielplatz aufgerufen und auf MDR erklären wütende Bürger: "Asylanten gerne, aber keine Kriminellen." So ist zumindest die eine Sicht der Dinge.

Polizei warnt vor Kriminalisierung von Asylsuchenden

Die Polizei stellt die Geschichte ein wenig anders da, denn passiert ist in Wahrheit wenig. Ein betrunkener Flüchtling hat in der Unterkunft randaliert und Müll vor der Tür angezündet, der Qualm zog in die Turnhalle. Ein 34-Jähriger mit gesundheitlichen Problemen verletzte sich mit einem Messer selbst und wurde in ein Krankenhaus gebracht. "Die beiden Sachverhalte in Großröhrsdorf trugen sich innerhalb der Unterkunft zu, so dass bislang kein Anwohner mit strafbaren Handlungen eines Asylbewerbers konfrontiert wurde", sagt Kriminaloberkommissar Thomas Ziegert auf Anfrage von SZ.de.

Er warnt ausdrücklich vor einer pauschalen Kriminalisierung von Asylsuchenden wegen des Fehlverhaltens Einzelner. "Die überwiegende Mehrzahl dieser Menschen benimmt sich vorbildlich", sagt er. Und: "Wir sehen keine Gefährdung der Bevölkerung." Zumal der dritte Vorfall nur erfunden war: Der Mann hatte Anzeige erstattet, weil er angeblich nahe der gerade erst eröffneten Notunterkunft für Asylbewerber von einem "südländischen Typ" angegriffen und leicht verletzt worden war. Schnell kursierten in Großröhrsdorf wilde Gerüchte: "Das war verrückt", erzählt Kriminaloberkommissar Ziegert. "Plötzlich war die Rede von einem Elfjährigen, der auf dem Schulweg schwer verletzt wurde."

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"Angriff durch einen Ausländer in Großröhrsdorf hat nicht stattgefunden", heißt es inzwischen auf der Polizei-Homepage. Bei den Ermittlungen waren die Beamten schnell auf Ungereimtheiten gestoßen. Schließlich gab der 23-jährige Mann zu, er habe sich selbst verletzt und die Geschichte den Ausländern in die Schuhe geschoben. Nun ermitteln die Beamten gegen das angebliche Opfer wegen des Vortäuschens einer Straftat - darauf stehen bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe oder eine Geldstrafe.

Notunterkunft soll dennoch geräumt werden

Einem Bericht des MDR zufolge hält der Landkreis Bautzen trotzdem an dem Plan fest, die Notunterkunft in Großröhrsdorf noch vor Weihnachten zu schließen und durch angemietete Wohnungen zu ersetzen. Sie werde von der Bevölkerung schlichtweg nicht akzeptiert. Zudem hat das Landratsamt darum gebeten, weitere Zuweisungen bis zum Jahresende auszusetzen - ohne Erfolg. Die Landesdirektion Sachsen lehnte ab. Der Landrat äußerte daraufhin den Wunsch, nur noch bestimmte Flüchtlinge aufnehmen zu wollen. Familien mit Kindern aus Krisengebieten. Das berge weniger Konfliktpotential.

Die Situation im Landkreis sei eben sehr sensibel, heißt es zur Begründung. Dabei liegt der Ausländeranteil dort bei gerade einmal 1,3 Prozent. "Wir möchten weniger Menschen bekommen, die aus den Ländern Nordafrikas kommen und als Ledige unterwegs sind", zitiert der MDR den Landrat. "Das Verständnis der Bevölkerung ist - sagen wir mal - eingeschränkt."

Ob dieser Wunsch berücksichtigt wird, weiß man beim Landratsamt nicht. Klar ist nur: Schon nächste Woche kommen die nächsten Asylsuchenden - und erst einmal müssen sie wieder in Großröhrsdorf untergebracht werden.