Russland: Brände vor Atomanlagen Flammen am gefährlichsten Ort der Welt

Das Feuer in Russland könnte die Region um die ehemalige Plutoniumfabrik Majak entzünden - sie ist schlimmer verstrahlt als das Gebiet um Tschernobyl.

Von C. Kohl

Es ist ein dramatischer Kampf: Rund um die Uhr versuchen Feuerwehrleute und Armeeangehörige in Russland, die Waldbrände einzudämmen, die durch die Rekordhitze ausgelöst worden waren. Zwei Soldaten starben bereits bei Löscharbeiten unweit einer atomaren Forschungsanlage in der Region Nischni Nowgorod. Am Dienstag erklärte das Katastrophenschutzministerium, 557 Brände seien weiter im Gange.

Schon sollen sich die Flammen gefährlich nahe an einige Atomanlagen herangearbeitet haben, es könnte eine Katastrophe nach der Katastrophe drohen. Als gefährdet gilt vor allem die ehemalige Plutoniumfabrik Majak im südlichen Uralgebirge. Es ist der Ort, wo 1949 der Stoff für die erste Atombombe des Diktators Josef Stalin produziert wurde.

Rund um die alte Atomanlage, deren schüttere Werkshallen 70 Kilometer von der Stadt Tscheljabinsk entfernt stehen, wurde der Ausnahmezustand verhängt. Die Anlage wird heute als Wiederaufarbeitungszentrum für Atommüll betrieben. Zwar behaupteten Behördensprecher, die Brände, die sich von Norden her ausgebreitet hatten, seien weit vor Tscheljabinsk gelöscht worden, die Gefahren mithin gebannt. Angesichts der extremen Trockenheit aber können sich die Gräser und Bäume nach Expertenmeinung jederzeit wieder entzünden. Und das Problem ist weniger die Anlage selbst, als die Landschaft, die sie umgibt: Die Gegend gilt als die vermutlich am stärksten durch radioaktive Stoffe verseuchte Region der Welt und ist laut Experten schlimmer verstrahlt als das Gebiet um den 1986 havarierten Atom-Reaktor Tschernobyl.

Dabei wirkte die Landschaft vor dem Brand wie aus dem Bilderbuch: Ein Flusstal mit grünen Wiesen und Gänsen, die am Ufer schnattern, Holzhäuschen, die sich idyllisch in die Umgebung fügen. Lediglich ein paar Ruinen am Ufer des Tetscha-Flusses ließen ahnen, dass diese Welt nicht ganz so heil war, wie sie schien. Tatsächlich sind Teile der Region schon seit Jahrzehnten evakuiert und in den Krankenhäusern werden merkwürdige Immunkrankheiten diagnostiziert. "Tscheljabinsk-Aids" wird das Leiden genannt, das vermutlich auf eine dauerhafte radioaktive Strahlung der Betroffenen zurückzuführen ist. Forscher des Münchener Helmholtz-Instituts untersuchen seit längerem die rund um die Atomanlage auftretenden Krankheiten. Denn kaum irgendwo sonst lassen sich die Auswirkungen von radioaktiven Strahlen auf die menschlichen Organe so gut studieren wie in der Nähe von Majak, der Fabrik, deren Name "Leuchtturm" bedeutet.

Die Verseuchung der Umwelt hängt mit einem Unglück zusammen, das sich am 29. September 1957 in Majak ereignete, die sogenannte Kyschtym-Katastrophe. Damals explodierte ein Tank mit radioaktiven Substanzen, nachdem die Kühlung ausgesetzt hatte. Anwohner sahen einen Feuerball, ähnlich einem Atompilz, über dem Gelände aufsteigen. Danach rieselten radioaktive Substanzen auf den Boden. Aus dieser Zeit gilt ein riesiges Waldstück, das sich etwa 100 Kilometer weit im Osten von Tscheljabinsk erstreckt, als verstrahlt. Wenn diese Bäume in Brand geraten, könnte es gefährlich werden. Denn auf dem Waldboden, berichtet der Leiter des Münchner Instituts für Strahlenschutz Peter Jakob, "liegt noch jede Menge Strontium". Durch die Brände könnte das Material aufgewirbelt und in bewohnte Regionen getragen werden.

Ein Gefahrenherd ist auch der nahegelegene Karatschai-See, den die Plutoniumfabrik jahrelang als Abfallhalde benutzte. Was dort an strahlenden Materialmengen aufgeschüttet wurde, gilt als einmalig in der Welt. Seit mehr als 15 Jahren wird versucht, den See abzudichten. Mal wurden Betonwürfel hineingeworfen, mal versuchte man, die Oberfläche mit weicheren Materialien abzudichten. Bislang waren offenbar alle Mühen erfolglos, wie deutsche Kernkraftexperten berichten.

Auch das Bemühen von Premier Wladimir Putin, die Brandkatastrophe zu bewältigen, zahlt sich für ihn nicht aus. Er muss ungewohnt deutliche Kritik einstecken. Beim Besuch in Nischni Nowgorod wurde er sogar von wütenden Frauen angegriffen.

Ein Land keucht

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