Von Kathrin Lauer

In Kronstadt teilen sich Mensch und Tier ein Revier - trotz gefährlicher Übergriffe finden die Rumänen das gar nicht problematisch: In den Karpaten lebt man seit Menschengedenken mit Bären zusammen.

Sie sind Stammgäste seit 25 Jahren, tragen ein braunschwarzes Zottelfell und kommen am liebsten abends. Von ihrem Zuhause, dem dichten Mischwald, haben sie nur ein paar Schritte bis zur Hochhaussiedlung Racadau im siebenbürgischen Kronstadt (Brasov).

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Am Rande des russischen Flusses Neva: Der Bär im Hintergrund ist dressiert und desinteressiert. (© Foto: AP)

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Dort schwingen sich die Braunbären dann elegant über die Mauerumfriedungen der Mülltonnen, und das Festmahl beginnt. Meistens finden sie dort als Extragabe auch ein paar frisch gebackene Kekse.

In Racadau tauscht man seit langem Tipps darüber aus, welche Schokofüllung die Bären bei Keksen bevorzugen. Denn es ist nur allzu drollig anzusehen, wie die Bären, oft gar Purzelbaum schlagend, nach dem Mahl herumtollen.

Dass die Tiere gelegentlich in Treppenhäuser vordringen und dort, Auge in Auge mit Menschen, Prankenhiebe verteilen, tut zum Beispiel die Lokaljournalistin Liliana Jighira, selbst Bewohnerin von Racadau, als "Kollateralschaden" ab, als Tribut für das nette Bärenspektakel.

Überhaupt seien in Racadau die Menschen zu Gast bei den Tieren, und nicht umgekehrt, denn die Siedlung sei in ein traditionelles Bärenrevier hineingebaut worden. Viel lieber mag die Journalistin die Geschichte jener sanften Bärin, die sich jahrelang aus einer Flasche mit Milch füttern ließ. Irgendwann wurde das Tier in den Zoo gebracht, wo es aus Trauer über die verlorene Freiheit zunächst nichts habe fressen wollen.

Blutige Attacken

Während drei Alpenländer gerade ihre Hysterie um einen Problembären zelebrieren, lebt man im Karpatenland Rumänien seit Menschengedenken mit Bären zusammen. Etwa 7000 Tiere sind es landesweit - das ist die größte Population in Europa, Russland und Skandinavien nicht mitgerechnet.

Doch das Idyll ist alles andere als perfekt, vor allem nicht in Kronstadt, dem Bärenmagneten des Landes. Erst vor drei Tagen wurde dort ein 15-jähriger Junge von einem Bären in den Arm und in die Brust gebissen, als er mit dem Fahrrad im Wald unterwegs war. Das Opfer hatte Glück, dass der Angreifer nur ein 40 Kilo schwerer Jungbär war und kein erwachsenes Exemplar, das 700 bis 800 Kilo auf die Waage bringen kann. Warum der Bär zugebissen hat, ist unklar.

Nebulös bleibt auch die tödliche Attacke eines Braunbären im Herbst 2004 auf Spaziergänger im Wald bei Kronstadt. Das Tier stürzte sich wütend auf die picknickenden Menschen. Von den elf Verletzten starb einer im Krankenhaus. Das zweite Todesopfer fanden die Retter später völlig zerfleischt vor.

Keine Angst vor Menschen, aber auch keinen Respekt

Der Bär hatte sich nicht einmal von den Sirenen der fünf anrückenden Krankenwagen einschüchtern lassen. Im Gegenteil, er stürzte sich sogar auf eine Ambulanz. Zwei Schüsse waren nötig, um ihn zu töten. Denn nach der ersten Kugel stieß der Bär den Jäger um. Damals hieß es, das Tier sei tollwütig gewesen.

Experten vom World Wide Fund For Nature (WWF) bezweifeln dies, weil Tollwut bei Bären eher selten vorkomme. Warum Bären, selbst wenn sie, wie im stets übervollen Wandergebiet Kronstadt, Kontakt mit Menschen gewöhnt sind, so aggressiv werden können, ist unklar.

Jedenfalls kann man nach Meinung der WWF-Bärenexpertin Beate Strieben in diesem Spezialfall nicht von einer Zähmung im Sinne einer Dressur sprechen, sondern nur von einer "Futterkonditionierung". Das bedeutet: Der Bär hat keine Angst mehr, aber auch noch keinen Respekt vor Menschen.

Wo es aber wenige Menschen gibt, sind auch Problembären nahezu unbekannt. Im wilden, fast menschenleeren Retezat etwa, einem grandiosen Gebirgszug im Südwesten Rumäniens, brauchen die Förster viel Geduld, bis sie Bären auch nur zu sehen bekommen. Die obligaten Zählungsaktionen gelingen zuverlässig nur im Frühjahr, wenn die Bären, ausgehungert nach dem Winterschlaf, die künstlichen Futterplätze mit weniger Scheu aufsuchen. Denn normalerweise sucht der Retezat-Bär sofort das Weite, wenn er einen Menschen wittert.

In Kronstadt versuchen die Behörden erst seit wenigen Jahren und ohne sichtbaren Erfolg, die Tiere fern zu halten. Von den zwölf Bären, die Racadau besuchten, wurden jetzt sechs eingefangen und in andere Reviere gebracht. Polizisten kontrollieren, ob die Menschen trotz Verbots Bärenfutter auslegen.

Die Zahl der Müllabfuhrtransporte wurde in der Stadt auf sechs pro Tag erhöht. Es half nichts. Vor kurzem trottete eine ganze Bärenfamilie durch die Altstadtgassen, unweit der berühmten gotischen Schwarzen Kirche. Die Tiere hatten an der Peripherie nichts zu futtern gefunden und versuchten es nun im Zentrum.

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(SZ vom 16.06.2006)