Rio de Janeiro Einmarsch der Rambo-Truppe

Szenen wie im Krieg: Panzer rollen durch die Armenviertel von Rio, die Militärpolizei hisst ihre Flagge in den eroberten Gebieten. Brasiliens Staatsmacht kämpft mit brachialen Mitteln gegen kriminelle Banden in den Favelas.

Von Peter Burghardt

Wer schon mal in Rio de Janeiro war, der hat das neueste Ziel der Rückeroberung wahrscheinlich durchquert. Die Favelas Complexo do Caju und Barreira do Vasco liegen in der Nähe des Hafens an den Hauptstraßen Avenida Brasil und Linha Vermelha, die Rios Zentrum mit dem internationalen Flughafen verbinden. Die Reconquista begann am Sonntagmorgen um 4:48 Uhr, es sah - wie üblich - aus wie im Krieg. Der Staat rückte mit 1800 Polizisten und Soldaten an, mit Panzerfahrzeugen und Schnellfeuergewehren. Über dem Einsatzort kreiste ein Hubschrauber. Das Szenario stand in skurrilem Kontrast zu den schönsten Seiten der Cidade Maravilhosa, der Wunderbaren Stadt mit Zuckerhut, Corcovado und Stränden.

Pioniere räumten Barrikaden aus Beton beiseite, damit blockieren die Drogenhändler bei solchen Invasionen ihr Revier. Complexo do Caju mit seinen 20.000 Bewohnern in flachen Häusern wurde bislang beherrscht vom Comando Vermelho, dem sogenannten Roten Kommando, der mächtigsten Verbrecherorganisation Rios. Nun mussten die Gangster auch hier weichen oder müssen zumindest künftig dezenter auftreten.

Vorneweg marschierte die berüchtigte BOPE (Batalhão de Operações Policiais Especiais), bekannt aus dem Film "Elitetruppe", das schießwütige Spezialkommando der Militärpolizei in seinen schwarzen Uniformen. Das Logo der Rambos ist ein Totenkopf. Dazu waren Kämpfer der Marine angerückt. Doch es fiel angeblich kein Schuss, und jetzt soll das Gebiet wieder dem Gesetz gehören. Zu Sonnenaufgang hissten die Eroberer die Flaggen Brasiliens und Rios, wie nach einer gewonnenen Schlacht. Das Symbol der Wende hat drei Buchstaben: UPP. UPP bedeutet Unidade de Polícia Pacificadora, Befriedungspolizei. Es sind Rios Blauhelme.

Fürs Erste bekam der Complexo de Caju nur einen Container, bald entsteht eine richtige Niederlassung der Befriedungspolizei. 31 dieser UPPs wurden eröffnet, seit Rios Regierung 2008 beschloss, Teile des verlorenen Terrains zu besetzen. Es begann in der Favela Dona Marta über Botafogo im Süden, wo Michael Jackson einst sein Video zu dem Lied "They don't care about us" aufgenommen hatte. Danach drangen die Ordnungshüter in Konfliktgebiete wie den Complexo do Alemão und die Rocinha ein und installierten UPPs, es folgten Sanitätsposten und Seilbahnen. Die Friedenspolizei ist vor der Fußball-WM 2014 und den Olympischen Spielen 2016 das Zeichen des Wandels.

Zehntausende Tote bei Gefechten zwischen Banden und Polizei

"Das ist die Wiedergeburt einer Region", verspricht Rios Gouverneur Sérgio Cabral. "Ich habe diese Region mit der Gewalt wachsen sehen. Die Familien hier werden einen anderen Moment des Lebens erleben. Die Sicherheitspolitik befreit diese Gemeinschaften von der Parallelmacht." Die Parallelmacht sind die Traficantes, die Rauschgiftdealer aus den Banden Comando Vermelho, Amigos dos Amigos (Freunde der Freunde) und Terceiro Comando (Drittes Kommando) sowie die Milizen. Cabral hatte die Offensive gegen die Banditen eingeleitet, sein Stratege ist der Sicherheitsbeauftragte José Mariano Beltrame. Doch der hält sich beim Jubeln zurück. "Sie werden mich nie sehen, wie ich einen Sieg feiere. Das Problem ist sehr alt und sehr ernst, wir drehen das nicht an einem Montag um."

Über Jahrzehnte hatte die Politik so gut wie nichts getan. Sie baute allenfalls Ghettos wie die Cidade de Deus, die aus dem Kino bekannte "Stadt Gottes" in Rios Westen. Ansonsten wucherten die Armenviertel mit ihren unverputzten Baracken an den Hängen und in den Ebenen, manche direkt gegenüber von Villen. Eine kriminelle Minderheit machte in Rio das Verbrechen zum Millionengeschäft, zahlreiche Funktionäre und Beamte verdienen mit, zu den Kunden gehören auch drogenabhängige Wohlstandskinder. Die Fahnder nahmen in Complexo do Caju und Barreira do Vasco Verdächtige fest und sammelten Drogen und Waffen ein.

Tags zuvor wurden bei einer Razzia in den Favelas Nova Holanda und Vila Pinheiros 400 Kilo Kokain und 100 Kilo Marihuana entdeckt. Außerdem berichtet die Zeitung O Globo von 25,5 Tonnen Müll sowie einer Feuerstelle namens Microondas (Mikrowelle), auf der vermutlich Rivalen verbrannt wurden. Zehntausende Menschen starben und sterben in Gefechten zwischen den Fraktionen und der Polizei. Balas perdidas, Querschläger, treffen bei Schießereien auch Unbeteiligte. Viele Drogenhändler sind untergetaucht oder umgezogen, in die Baixada Fluminense im Norden oder nach Niterói gegenüber von Rio. In manchen Gebieten haben ehemalige Polizisten als Milizen das Kommando und den Markt übernommen. Immer wieder flammt Gewalt auf. Anderswo funktioniert das Friedenskonzept so gut, dass die Immobilienpreise sich teilweise vervierfacht haben.

Das wiederum missfällt jenen Bürgern, die sich ihre Wohnungen nicht mehr leisten können. Zwar sind im Zuge des brasilianischen Aufschwungs viele Bewohner der Favelas in die untere Mittelklasse aufgestiegen, aber gegen Spekulanten haben die wenigsten eine Chance. Es heißt immer wieder, Rios Führung kümmere sich hauptsächlich um die strategisch bedeutenden Gegenden nahe der Wettkampfstätten von WM und Olympia.

Unsinn, sagt Beltrame. "Wir machen kein Projekt für Konföderationen-Cup und Olympia, wir machen ein Programm für die Einwohner von Rio." Auf einer Hauswand im Complexo do Caju stand: "Polizist, du wirst sterben."