Der Anfang einer Ghetto-Bildung? Rio errichtet eine kilometerlange Betonwand um die Slums - und begründet dies als Ökomaßnahme zum Schutz des Regenwalds.
Mauern sind von jeher beliebt, um Eindringlinge abzuwehren oder Nachbarn auf Distanz zu halten. 20 Jahre nach dem Fall des innerdeutschen Ungetüms erfreut sich das Prinzip der Wagenburg wieder großer Beliebtheit. Israels Regierung trennt mit schwergesicherten Wänden die Palästinensergebiete Westjordanland und Gaza-Streifen ab.
Operation Mauer in Rio de Janeiro: Umgerechnet 13 Millionen Euro lässt sich die Regierung das Bauprojekt um die Slums kosten. (© Foto: dpa)
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Die USA erweitern in ihrem Süden ähnliche Ungetüme, auf dass Mexikaner ohne Papiere künftig schwerer über den Rio Grande kommen und der Drogenkrieg hauptsächlich jenseits der Grenze tobt. Spanien vergatterte seine Enklaven Ceuta und Melilla in Marokko, damit möglichst wenige Afrikaner nach Europa klettern. Eine weitere Variante wird nun aus Rio de Janeiro gemeldet: In der Cidade Maravilhosa, der wunderbaren Stadt, entstehen Wälle, die den Favelas Einhalt gebieten sollen.
Die Armenviertel breiten sich immer weiter aus unter dem Zuckerhut und dem Corcovado mit seiner Jesusfigur, vor allem an den Hängen im Süden der Stadt. Gut 900 Favelas mit mehr als 1,5 Millionen Bewohnern sind es in Rio, einige wuchern am Rande der besten Reviere und mit Blick auf weltberühmte Buchten wie die von Leblon oder Ipanema. Sie haben keinen guten Ruf.
Die meist prekären Buden verschachteln sich ineinander, an manchen Ecken blühen Rauschgifthandel und Gewalt. Zeitungen und Fernsehen berichten ständig von Mord und Schießereien. Jetzt will die Regionalregierung elf dieser Slums mit drei Meter hohen Wänden aus verstärktem Beton Einhalt gebieten, elf Kilometer lang. Offiziell, damit nicht noch wilder gebaut und nicht noch mehr vom größten städtischen Dschungel der Welt verschwindet. Es geht also um Bäume? Oder auch um Menschen?
"Verbesserte Lebensbedingungen"
Kritiker befürchten eine symbolische Klassenteilung, die fortgesetzte Trennung von Arm und Reich. Portugals Literaturnobelpreisträger José Saramago protestiert in seinem Blog gegen die vermeintliche Ökomaßnahme. Doch die Politik wirbt für ihren teuren Plan. Diskriminierung von Bürgern aus Siedlungen, die oft pauschal als gefährlich abgekanzelt werden und doch nur unter einer kriminellen Minderheit leiden?
"Das ist keine Diskriminierung", sagt Tania Lazzoli, die Sprecherin der regionalen Baubehörde. "Im Gegenteil, wir bauen für sie an anderen Orten und verbessern ihre Lebensbedingungen. Ziel ist es, die Zerstreuung der Gemeinschaften zu verhindern und den Wald zu schützen."
Viele Häuser seien riskant konstruiert und liefen Gefahr abzustürzen. 550 davon werde man abreißen und neu bauen. Zuletzt wurde in die Favelas und ihre Infrastruktur viel Geld investiert. Die Gefechte zwischen den Gangs aus den Hügeln und der Polizei gehen dennoch weiter. Den Behörden wird vorgeworfen, bei den Einsätzen im Zweifel auch Unschuldige zu töten. Das Jornal do Brasil berichtete, in Copacabana würden wegen der Verbrechen die Immobilienpreise sinken.
Werbung für Olympia 2016
Begonnen hat die Operation Mauer bereits. Am Elendsviertel Morro Dona Marta von Botafogo sind die ersten 55 von 634 Metern entstanden, es ist das Pilotprojekt. Im November war die Militärpolizei in das Gewirr eingedrungen und will die Dealer von Kokain, Marihuana und anderen Drogen dabei vertrieben haben - die Staatsgewalt hat sogar einen Posten mit 125 Mann einer sogenannten Friedenseinheit eingerichtet. Gewöhnlich wagen sich nur schwerbewaffnete Beamte zu Sondereinsätzen vor.
Kinder unter den 10.000 Einwohnern bekamen Spielzeug, Wohnungen wurden renoviert, es gibt Internet gratis, Strom und Sozialdienste. Morro Dona Marta gilt als Musterslum. In diesen Tagen wird der Auftrag für den 2800 Meter langen Wall in der Rocinha ausgeschrieben, einer der größten Favelas Lateinamerikas, bevölkert von 200000 Menschen.
Präsident Luiz Inácio Lula da Silva war erst dagegen gewesen. Im Rahmen des Programms "Mein Haus, mein Leben" hat er nun eine Million neue Unterkünfte für Bedürftige versprochen. Dem Wohnungsbauministerium zufolge fehlen Brasilien aber viel mehr, auch deshalb werden die Favelas immer größer. Lula wirbt derweil für ein sicheres und modernes Rio, das 2014 ein Schauplatz der Fußball-WM sein wird und sich für Olympia 2016 beworben hat.
Die PR-Tour setzt er gerade bei den G 20 in London fort. Besucher sollen weniger mit Horrormeldungen belästigt werden, sondern die brasilianische Lebensfreude genießen. Auch die überfallgefährdete Autobahn zum internationalen Flughafen soll ein Stück Mauer bekommen, aus resistentem Stahlbeton.
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(SZ vom 01.04.2009/hai)
Das Öko-Argument ist gut. Bei uns hieße das wohl wieder Antifaschistischer Schutzwall.
Eine Überschrift des Artikels riecht gewaltigst nach Sensationsmache, die man auch anders zu verstehen Gefahr läuf.
Im Auge des Betrachters (Herr Burghardt), so scheint es, dass diese Betrachtungsweise, primär am hiesigen Mass gemessen, nicht umsonst davon zeugt, dass Medien oft dazu neigen, ein unrealistisches Bild von Dingen der wahren Realität darstellen.
Jedes Haus (ich spreche nicht von den prekären Buden, wie sie die Hütten der Favela-Bewohner bezeichnen) sieht sich von einer Mauer umgeben, um sich vor Kriminalität zu beschützen. Dieses als grösseres Objekt gesehen, wie sie die Favelas eingrenzen, distanziert sich weit von der Interpretation Ihrer Überschrift.
Eine Eingrenzung dieser Art zeichnet doch keine Besonderheit aus.
heißt mauern lernen
Eigentlich kann man sehr leicht feststellen, ob der Mauerbau der Ghettobildung oder dem Umweltschutz dient. Wenn hinter der Mauer der Wald beginnt, dann ist es Umweltschutz. Wenn hinter der Mauer ein anderes Stadtviertel beginnt, dann ist es Ghettobildung.