Riachuelo in Buenos Aires Der wohl dreckigste Fluss der Welt

Im Nebel des Riachuelo: "Eine öffentliche Kloake" nannte der WWF den Fluss, der sich in Buenos Aires windet. Das Wasser steht und stinkt, halbe Mülledeponien schwimmen darin. Nun soll die Brühe gereinigt werden - doch die Kosten dafür sind hoch.

Von Peter Burghardt, Buenos Aires

In La Boca riecht und sieht man das Desaster schon. Der berüchtigte Riachuelo windet sich auch um den berühmten Stadtteil im Südosten von Buenos Aires und mündet dahinter in den Rio de la Plata. Besuchern zuliebe wird die größte Sauerei an prominenten Stellen zurückgedrängt, doch wer aufpasst, der entdeckt hier eines der dreckigsten Gewässer mindestens Lateinamerikas. "Eine öffentliche Kloake", nannte die Umweltstiftung WWF den Fluss kürzlich bei der Internationalen Wasserwoche in Stockholm und stellte ihn als abschreckendes Beispiel vor.

Riachuelo bedeutet so viel wie Flüsschen, aber besser passt der Name an seinem Ursprung: Matanza, Gemetzel. Das Wasser steht und stinkt, es ist braun und grün und schäumt und schimmert. Halbe Mülldeponien schwimmen darin, Exkremente und auch Kadaver, meistens tote Tiere. In der Brühe versammeln sich Schwermetalle wie Quecksilber, Blei, Chrom und Kadmium, alle weit jenseits der zulässigen Höchstgrenzen.

Ansätze von Hoffnung

Das Gift stammt aus den Abflussrohren von Hunderten Industriebetrieben. Der Unrat rutscht die Böschung hinab. Und aus der vielfach ungeklärten Kanalisation von mehr als fünf Millionen Menschen, von denen viele in sogenannten Villas de Miseria leben, Armensiedlungen, strömt das Abwasser.

Einst stand die Gegend für den Fortschritt der Nation, jetzt steht sie für Armut, Gift, Krankheit und Korruption. Nichts passt schlechter zu dem Titel Buenos Aires, gute Lüfte. "Riachuelo, 200 Jahre Verschmutzung", hieß es auf einem Plakat, das Greenpeace zum 200. Jubiläum Argentiniens 2010 aufhängte. Für die Anwohner ist das Unheil Routine und Katastrophe, die toxischen Stoffe fördern Asthma, Hautausschläge, Durchfall, wohl auch Krebs und andere Plagen. Betroffene klagen gegen Staat und Kommunen und können sich doch kaum wehren. Was tun?

In dem Sumpf gedeihen nur Ansätze von Hoffnung. 2008 verfügte der Oberste Gerichtshof endlich, dass der Riachuelo saniert und Unternehmen zur Rechenschaft gezogen werden müssten. Ökologen machen vor allem Gerbereien und einen Chemiekomplex verantwortlich; einst hatte sich der Fluss wegen der Schlachtereien blutrot gefärbt. Es wurde eine Aufsichtsbehörde gegründet, es gab eine erste Verhaftung. Nun versprechen die Politiker Sozialwohnungen, und die Weltbank zahlt für Abwasseranlagen 840 Millionen Dollar. Die gesamte Reinigung indes soll Milliarden kosten, eine stete Quelle der Verschwendung im "Niebla del Riachuelo", wie es in dem legendären Tango heißt, im "Nebel des Riachuelo." Peter Burghardt