Reisanbau in der Sperrzone Der letzte Bauer von Fukushima

Naoto Matsumura lebt in einem Geisterdorf: Er weigert sich, die verseuchte Sperrzone zu verlassen. Hautnah erlebt er mit, wie sein Heimatdorf an der Atomkatastrophe zugrunde geht - und ist von der Tatenlosigkeit der Firma Tepco und der japanischen Regierung enttäuscht.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Eigentlich dürfte Naoto Matsumura dort, wo er lebt, gar nicht leben. Der Reisbauer ist der einzige Mensch, der in der verseuchten Sperrzone hinter der Ruine des havarierten Atomkraftwerks Fukushima-1 ausharrt. Damit verstößt er zwar gegen das Gesetz, doch Matsumura denkt gar nicht daran, sein Haus zu verlassen. Die Polizei würde ihn niemals ihre Straßensperren am Rande des verseuchten Gebiets passieren lassen. Aber es ist nicht weiter schwierig, auf einem unbewachten Waldweg in die Zone zu gelangen. Matsumura passiert die Grenze regelmäßig - vorige Woche reiste er sogar nach Tokio.

"Ich bin in Tomioka geboren", sagt der weißhaarige 52-Jährige vor ausländischen Journalisten. Er beklagt sich, die japanische Medien interessiere es kaum, was in der Sperrzone geschehe. Sein Haus steht zwölf Kilometer südwestlich des Kraftwerks und unweit von Fukushima-2, dem zweiten Kernkraftwerk, das vor einem Jahr mit Glück notabgeschaltet werden konnte, als am 11. März der Tsunami kam und in der Folge eine nukleare Katastrophe auslöste. Weil die Menschen fliehen mussten und nicht mehr zurückkehren durften, ist in Tomioka alles noch wie vor einem Jahr: Die Scherben liegen noch überall herum, in den Läden sind einige Regale noch voll, andere wurden geplündert. Alle Geldautomaten in der Zone seien geknackt, sagt Matsumura. "Tomioka hatte 16.000 Einwohner, jetzt ist es ein Geisterdorf. Und ich muss zuschauen, wie es langsam zusammenbricht, jeden Tag ein bisschen mehr." Der Ort habe nicht die geringste Hilfe vom Kraftwerksbetreiber Tepco oder der Regierung erhalten.

Leben im Geisterdorf: Kerzen als Lichtquelle, Ernährung aus Dosen

Aus seinem Fenster sieht Matsumura die Schlote eines Wärmekraftwerks außerhalb der Sperrzone. Die Firma Tepco hat es reaktiviert. Der Bauer aber hat keinen Strom. Fürs Licht hat er Kerzen, geheizt hat er schon früher mit Kerosin, davon habe er genug, sagt der Reisbauer. Jene Nachbarn, die in Schutzanzügen und begleitet von Offiziellen gelegentlich für kurze Zeit ihre Häuser besuchen, hätten ihm ihr Kerosin überlassen. Die einzige Verbindung nach außen ist das Handy. Weil der Eisschrank nicht funktioniert, ernährt er sich vor allem aus Dosen.

Ein Reisfeld hat er voriges Jahr angepflanzt. "Der Reis war mit 500 Becquerel gar nicht so stark verseucht. Aber im Feld daneben hatte der wild wachsende Reis 1000 Becquerel. Vielleicht, weil das Cäsium an der Oberfläche bleibt und ich mein Feld umgepflügt habe." Seine Tage verbringt Matsumura damit, etwa hundert Katzen, einige Hunde, viele Kühe und fünf Strauße zu versorgen. "Das sind Haustiere, die kann man nicht sich selbst überlassen. Die Regierung wollte die Rinder notschlachten lassen, was anderes ist ihnen nicht eingefallen. Aber viele Tierschützer haben protestiert."

"Das sind Lügner, Tepco und die Regierung"

Seine Eltern seien bei seiner Schwester, erzählt Matsumura. Weil er bleiben wollte, gab es Streit. "Aber die Menschen in den Notunterkünften leiden fürchterlich, es ist eng, sie haben nichts zu tun, sie kennen niemanden, viele werden krank, manche sind gestorben. Und die Regierung denkt nicht einmal an uns." Er habe damit gerechnet, dass es einmal zu einer Katastrophe komme. "Bei früheren Unfällen hieß es immer, die Radioaktivität, die entwichen ist, gefährde den menschlichen Körper nicht." Die Menschen, die bei Tepco arbeiteten, hätten an die Sicherheit geglaubt. Er habe mit vielen gesprochen: "Die waren einer Gehirnwäsche unterzogen worden. Die konnten sich nicht vorstellen, dass sie in einer gefährlichen Anlage arbeiteten." Dennoch hoffe er, sagt Matsumura, die Menschen von Tomioka könnten zurückkehren. "Die Alten wollen, die Jungen nicht." Aber ohne Junge geht es nicht.

Er hoffe sehr, Tepco breche zusammen. "Sonst passiert nichts und sie streiten vor Gericht, wer zahlen muss. In Japan dauern solche Prozesse 20 bis 30 Jahre. Dann sind wir alle nicht mehr da." Als Matsumura in Tokio war, hat er auch Tepco besucht. "Die hatten nichts zu sagen, sie haben sich nur immer wieder mechanisch verbeugt und entschuldigt, als folgten sie einem Skript. Das sind Lügner, Tepco und die Regierung."