Reformvorschläge von Papst Franziskus Nett, bescheiden, radikal

Alle Welt lobt den Papst, doch wird er auch richtig verstanden? Wer ihn für liberal hält, denkt nicht weit genug. Denn Papst Franziskus ist ein Radikaler. Will die katholische Kirche umsetzen, was er fordert, steht ihr viel Arbeit bevor.

Ein Kommentar von Matthias Drobinski

Nun lobt alle Welt den netten, bescheidenen Papst Franziskus, der seine Kirche reformieren und liberalisieren will. Doch das ist ein Missverständnis. Das Apostolische Schreiben, das er gewissermaßen als Regierungserklärung formuliert hat, zeigt: Der Mann ist nicht liberal im europäisch-bürgerlichen Sinne. Auch wenn er Barmherzigkeit für geschiedene Wiederverheiratete predigt oder Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben, was gemeinhin als Ausdruck säkularer Liberalität gilt.

Der Papst ist ein Radikaler. Er will nicht, dass seine Kirche dem Mainstream nachläuft und mehrheitsfähig wird. Er denkt von der Wurzel her, und wenn die Bischöfe und Kirchenmitglieder zu Ende denken, was ihr Oberhaupt da als Programm zusammengefasst und keineswegs zum ersten Mal gesagt hat, dann müsste es ihnen schwindelig werden.

Sie sollen rausgehen an die Ränder der Gesellschaften und Existenzen, der Erhalt der Institution soll ihnen zweitrangig sein. Sie sollen nicht mehr zur Seelenruhe in den reichen Ländern beitragen, sie sollen verunsichern: Stimmen unsere Maßstäbe noch? Ihnen, den Bürgerlichen, sagt der Papst: Eure Art zu leben tötet. Dagegen der Vorwurf: Ihr seid Sünder, weil ihr Sex vor und außerhalb der Ehe habt - das ist schnell weggebeichteter Kinderkram. Nimmt die katholische Kirche ernst, was ihr Chef sagt, stehen ihr unbequeme Zeiten bevor.