Reformbedarf der katholischen Kirche Wie Glaube wieder glaubwürdig werden kann

Papst Franziskus sollte seine Kirche grundlegend reformieren.

(Foto: epd)

Die katholische Kirche ist deformiert und braucht dringend eine Reform. Papst Franziskus hat die Chance, seine Kirche sinnvoll umzugestalten. Ein Blick in deren Geschichtsbücher liefert Hinweise darauf, wie das gelingen kann. Der Papst müsste zum Beispiel Teile seiner Macht abgeben.

Ein Gastbeitrag von Kirchenhistoriker Hubert Wolf

Hubert Wolf ist preisgekrönter Kirchenhistoriker und lehrt in Münster. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Die Nonnen von Sant'Ambrogio".

Wir wissen, dass es an diesem Heiligen Stuhl schon seit einigen Jahren viele Missbräuche in geistlichen Dingen und Vergehen gegen die göttlichen Gebote gegeben hat, ja dass eigentlich alles pervertiert worden ist. So ist es kein Wunder, wenn sich die Krankheit vom Haupt auf die Glieder, das heißt von den Päpsten auf die unteren Kirchenführer ausgebreitet hat. Wir alle - Prälaten und Kleriker - sind abgewichen."

Diese Formulierungen stammen nicht von einem Kirchenkritiker unserer Tage, und der Kontext ist auch nicht die Vatileaks-Affäre mit ihren bösen Gerüchten über hohe Kuriale, die wegen homosexueller Praktiken erpresst worden sein sollen. Sie stammen vielmehr aus dem Schuldbekenntnis Hadrians VI., das er seinen Nuntius Francesco Chieregati auf dem Reichstag in Nürnberg 1523 vortragen ließ, nachdem die Reformatoren die Missstände in der katholischen Kirche angeprangert hatten. Der Papst lieferte neben der Diagnose der Krankheitssymptome auch gleich das Heilmittel mit: Der Nuntius sollte den Reichsständen versprechen, "dass als erstes diese Kurie, von der das ganze Übel ausgegangen ist, reformiert wird, damit sie in gleicher Weise wie sie zum Verderben der Untergebenen Anlass geboten hat, nun auch ihre Genesung und Reform bewirkt. Dazu fühlen wir Uns umso mehr verpflichtet, als Wir sehen, dass die ganze Welt eine solche Reform sehnlichst begehrt."

Hoffnung auf Veränderung

Auch heutzutage scheint die ganze katholische Welt wieder eine Reform der Kirche zu begehren, die an der Kurie beginnt. Das wurde nicht nur aus Äußerungen zahlreicher Kardinäle im Vorfeld des letzten Konklaves deutlich. Dass Papst Franziskus eine Reformkommission eingesetzt hat, die Vorschläge zur Reform der Kurie ausarbeiten soll, liegt in der Konsequenz der Hoffnung auf Veränderungen. Die ständige Erneuerung der Kirche bildet ein Wesensmerkmal der katholischen Ekklesiologie, auch wenn das nicht selten vergessen oder verdrängt wird. Das Zweite Vatikanische Konzil spricht in seinem Ökumenismusdekret nicht umsonst von einer reformatio perennis der Kirche.

Und diese Reformbedürftigkeit bezieht sich ausdrücklich nicht nur und nicht in erster Linie auf die Glieder, sondern auch und vor allem auf das Haupt. Es geht in der Tat um eine reformatio in capite et in membris. Und diese muss - wie Hadrian VI. bekennt - oben beginnen und sich von dort nach unten fortsetzen. Bezeichnenderweise gehören keine Kurienkardinäle der "franziskanischen" Reformkommission an. An eine Selbstreform der Kurie und ihrer Repräsentanten glaubt der neue Papst offenbar nicht. Die Anstöße zur Reform müssen - wie die Geschichte gescheiterter Kurienreformen eindrücklich belegt - von "außen" kommen, aus der Weltkirche.

Es geht nicht um Umsturz oder Revolution

Reform heißt aber kirchengeschichtlich gesehen nie Umsturz, Revolution oder Bruch mit der Tradition der Kirche. Es ist vielmehr zu "De-formationen" der Kirche Jesu Christi gekommen, die durch "Re-formen" wieder in die rechte "Form", die der Heiligen Schrift und der kirchlichen Tradition entspricht, gebracht werden müssen. Die Kirchengeschichte als theologische Disziplin hat deshalb unter anderem die Aufgabe, die ganze Bandbreite der verschiedenen Traditionen für die heutige Reformdiskussion bereitzustellen - freilich ohne sich anzumaßen, Patentrezepte liefern zu können.

Da geht es zunächst um die Verbesserung der Kommunikation innerhalb der Kurie selbst. Wie der "Fall Williamson" deutlich vor Augen geführt hat, hob Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation des Bischofs der Piusbruderschaft auf, ohne zu wissen, dass dieser mehrmals den Holocaust als historische Tatsache geleugnet hatte. Das römische "Einheitssekretariat", zuständig für das Verhältnis der Kirche zu den Juden, hatte eine umfangreiche Akte zu Richard Williamson zusammengestellt, die dessen antisemitische Äußerungen eindeutig belegten. Doch der Papst bezog diese Behörde in die Entscheidung, die in seine Zuständigkeit fiel, nicht ein. Hätte er sie konsultiert, hätte sie Benedikt XVI. entsprechend informieren und so vor einer Fehlentscheidung bewahren können. Hier wusste offenkundig die rechte Hand der Kurie - wieder einmal - nicht, was die linke tat.