Reformationsjubiläum Betend, beschwingt, mitunter enervierend freundlich

Happy Luther: Das Jubiläumsjahr der Reformation endet.

(Foto: )

So präsentierten sich evangelische Christen im Jubiläumsjahr. Aber wie stark wirken Luther und der Protestantismus noch?

Von Johan Schloemann

"Wenn zwei! Oder drei! - in meine-hem Namen versammelt sind ..."

So geht ein Kanon, der häufig in evangelischen Kirchen gesungen wird, gerne auch mit Gitarrenbegleitung. Bestimmt wird dieses Lied auch in manchen der Festgottesdienste angestimmt, die am kommenden Dienstag im ganzen Land stattfinden. Dann wird der Reformationstag zum 500-Jahres-Jubiläum, zum Ende einer zehnjährigen "Lutherdekade" und eines gigantischen Feierjahres, erstmals und ausnahmsweise ein bundesweiter gesetzlicher Feiertag sein und damit auch sämtliche Freizeitprofis und Brückentagsexperten erfreuen.

Das Lied passt in zweierlei Hinsicht zur Bilanz des Reformationsjubiläums. Zum einen stehen solche christlichen Songs, die im Englischen dem Genre Happy-clappy zugeordnet werden, für das Bild, das viele von den Protestanten der Gegenwart haben: kirchentagsbeschwingt, an den Händen fassend, enervierend freundlich und immer einen Hauch von Reformhaus verströmend.

"Da bleibt was"

Am 31. Oktober vor 500 Jahren rief Luther mit seinen Thesen die Evangelische Kirche ins Leben. Das Jubiläumsjahr aber begeisterte weniger Menschen als erwartet - der EKD-Vorsitzende Heinrich Bedford-Strohm sieht dennoch Erfolge. Interview von Matthias Drobinski mehr ...

Wenn man genauer hinsieht, sind solche Urteile natürlich meist ziemlich ungerecht, denn viele evangelische Christen - auf dem Papier sind es fast 22 Millionen Menschen in Deutschland - sind einfach gute, segensreiche Menschen. Sie singen auch nicht nur happy-clappy, sondern immer noch die kraftvolleren Choräle aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, und der Spott über "Gutmenschen" ist in Zeiten der Radikalisierung von Vorurteilen ohnehin ziemlich schal geworden.

Zum anderen ist die Aussage des biblischen Jesus-Wortes - "denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen" - ein urchristlicher Trost für Gemeinden, die in der Minderheit sind. Der Spruch beschreibt damit auch die eine oder andere Veranstaltung, die im Rahmen der unzähligen Jubiläumsaktivitäten seit dem vergangenen Herbst landauf, landab stattgefunden haben, sowie das Zugeständnis, dass das Jubeljahr, das nach einer historischen und einer heutigen Reformation fragen wollte, wohl doch keine massenhafte Erweckung außerhalb der Kirche gebracht hat.

Von anbiedernd bis hochwertig war alles dabei

Allerdings wäre es im protestantischen Sinne doch sehr undemütig, für den Gedenkkomplex 500 Jahre Reformation im Ganzen Noten zu verteilen. Es gab diverse aufwendige, gut besuchte Ausstellungen, viele Interessierte haben sich angeschaut, was furchtbar fremd ist an der Glaubens- und Lebenswelt des 16. Jahrhunderts, was einen trotzdem unmittelbar anspricht und wie viel Protestantismus heute in der modernen Welt steckt, nicht nur in der deutschen Kultur. Oder was ein Einwanderungsland von den schmerzhaft erkämpften Toleranz-Erfahrungen der christlichen Konfessionen lernen kann.

Und weil Deutschland - auch wegen der Reformation und der religiösen Verschiedenheit - ein föderales Land ist, gab es eben ein regionales und lokales Luther-Spezial als Sammelsurium: Konzerte, Lesungen, Diskussionen, Tagungen, Filmreihen, Meditationen, Souvenirs, Musicals, von anbiedernd bis hochwertig war alles dabei. "Das Reformationsjubiläum ist überall dort geglückt, wo wir als Kirchenleute aus den Kirchentüren hinausgegangen sind und mit anderen gesellschaftlichen Kräften etwas gemeinsam auf die Beine gestellt haben", sagt Johann Hinrich Claussen, Theologe und Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Außerdem ging und geht ja, trotz der Fixierung auf das Großereignis, auf örtlicher Ebene das ganze "normale" evangelische Leben auch weiter: Predigt, Bibelauslegung, Gebet, Gesang, Liturgie, Seelsorge. Und Sozialfürsorge für Alte, Arme, Kranke, Behinderte, Flüchtlinge. Also all das, wo nach Überzeugung der Gläubigen die Gnade mitten unter ihnen ist - oder bezweifelt und gesucht wird.

Die Antworten auf die Frage "Was bleibt?" findet man aber nicht bloß im Einzelnen oder verborgen in der berühmten protestantischen Innerlichkeit. Zu den handfesten Ergebnissen der 500-Jahr-Sause zählen viele Bücher, von populären Schmökern und Promi-Umfrage-Bänden bis hin zu einem gewichtigen Lebenswerk wie "Martin Luther - Lehrer der christlichen Religion", in dem der Münchner Theologe Reinhard Schwarz die Summe seiner Studien zieht. Das Buch der Bücher selbst wurde ebenfalls fertig, in Form der überwiegend gelungenen, umfassenden Revision von Martin Luthers Bibelübersetzung, die die Sprachkraft des Reformators - und damit den Quell unserer heutigen deutschen Sprache - wieder stärker freilegt.