Am heutigen Dienstag wird weltweit an das Verbot erinnert, Kinder als Soldaten zu missbrauchen. Was mit Kindern passiert, die Menschen töten müssen, weiß eine Therapeutin vom Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin.
Sabine Haversiek-Vogelsang arbeitet als Kinder- und Jugendtherapeutin am Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin. Pro Jahr kommen ein bis drei Kindersoldaten zu ihr - vornehmlich aus dem afrikanischen Raum.
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Ein 14 Jahre alter Kindersoldat der Armee von Sierra Leone. Das Bild stammt aus dem Jahr 2000. (© Foto: ap)
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sueddeutsche.de: Frau Haversiek-Vogelsang, wenn Kindersoldaten aus Krisengebieten zu Ihnen kommen, haben sie oft eine lange Odyssee hinter sich. In welcher Verfassung treffen Sie sie an?
Sabine Haversiek-Vogelsang: Es geht ihnen meist psychisch und körperlich sehr schlecht. Viele haben schwere Schlafstörungen und Albträume.
sueddeutsche.de: Ist das bei allen so?
Haversiek-Vogelsang: Nein. Viele kommen ja erst recht spät zu uns, etwa ein bis zwei Jahre, nachdem sie in Deutschland angekommen sind und möglicherweise die erste Anhörung im Asylverfahren ansteht. Sie sind oft zunächst nicht so verhaltensauffällig, dass ihre Betreuer auf die Idee kommen, sie könnten eine Therapie benötigen.
sueddeutsche.de: Wie finden sie den Weg zu Ihnen?
Haversiek-Vogelsang: Weil irgendetwas passiert, was möglicherweise in einem kaum wahrnehmbaren Zusammenhang mit ihrer Vergangenheit steht - und unerwartet zu einem psychischen Zusammenbruch führt. Wir stoßen bei diesen jungen Leuten dann oft erst während der Behandlung auf die Geschichte als Kindersoldat. Viel Kinder haben das so gut verdrängt und abgespalten, dass sie vorher keinem davon erzählen konnten.
sueddeutsche.de: Kindersoldaten sind Opfer und manchmal auch Täter. Wie schwierig ist der Umgang damit?
Haversiek-Vogelsang: Es gibt einzelne, die in ihrer Zeit als Kindersoldaten auch Täter waren und aktiv getötet haben. Die Kinder haben dann oft massive Schuldgefühle und leiden unter der starken Verdrängung. Bei diesen Jugendlichen geht es ja auch um ihre Identität, um die Frage: Wer bin ich?
sueddeutsche.de: Wovon hängt ab, wie gut oder schlecht sie mit ihrer Vergangenheit klarkommen?
Haversiek-Vogelsang: Das ist stark abhängig von ihrer Vorgeschichte. Viele von denen, die ich behandelt habe, hatten vorher ein intaktes Familienleben und einigermaßen gute Beziehungen zu ihren Eltern. Die Jugendlichen haben deshalb auch ein funktionierendes Gewissen. Das äußert sich in oft Form von Alb- und auch Tagträumen, in denen sie ihren Opfern begegnen. Das macht sehr viel Angst.
sueddeutsche.de: Bekommen Sie ein Bild davon, was die Kinder haben durchmachen müssen?
Haversiek-Vogelsang: Die Kinder haben einer Brutalität gegenübergestanden, einer Unmenschlichkeit, die wir mit unseren humanistisch geprägten Maßstäben nicht mehr erfassen können. Manche mussten an abscheulichen Verbrechen teilnehmen, Kannibalismus, Schwangeren den Bauch aufschlitzen, nackte Gewalt. Meist haben sie ihre Familien, ihren sozialen Schutz und ihre Identität als Kinder verloren.
Die Kommandeure spielen auf der gesamten Klaviatur der Manipulation. Die Kinder werden gebrainwashed mit Filmen, um ihre Abwehrmechanismen zu brechen. Mit denen, die aus der Reihe tanzen, wird sofort kurzer Prozess gemacht und zwar im wörtlichen Sinne. Es sind Dinge, bei denen man auch als Erwachsener davorsteht und sagt, das möchte ich eigentlich alles überhaupt nicht gewusst haben.
sueddeutsche.de: Gibt es so etwas wie Heilung?
Haversiek-Vogelsang: Von Heilung kann man nicht sprechen. Eigentlich arbeiten Traumatherapeuten mit der Vorstellung, dass das Erlebte in den Alltag der Menschen integriert werden muss. Was Kindersoldaten erlebt haben, lässt sich nicht integrieren. Wir können nur dabei helfen, ein möglichst festes Päckchen zu schnüren, dass sie ihr Leben lang mit sich tragen.
sueddeutsche.de: Eine Art kontrollierte Verdrängung also.
Haversiek-Vogelsang: Ja, mehr ist gar nicht möglich. Wir arbeiten mit den Kindern und Jugendlichen daran, dass sie zumindest damit umgehen lernen, wenn sie die Bilder der Vergangenheit wieder einholen. Aber selbst das ist schon ein schwieriger und langer Weg. Die meisten haben größte Schwierigkeiten in sozialen und intimen Beziehungen. Viele schaffen es nie, von den Dingen zu erzählen, weil es ein Licht auf sie wirft, dem sie sich nicht stellen können. Viele stabilisieren sich mit Drogen.
sueddeutsche.de: Hilft es den ehemaligen Kindersoldaten eigentlich, wenn sie in Deutschland sind und nicht in ihrer Heimat?
Haversiek-Vogelsang: Das ist ein Dilemma. Einerseits ist es hier einfacher, die Vergangenheit zu verdrängen, weil kaum etwas an die Heimat erinnert. Andererseits wäre ein Therapie in der Heimat besser, weil dort die Chance auf Rehabilitation, also auf Wiederaufnahme in eine Gemeinschaft größer ist, aus der sie brutal herausgerissen wurden.
Es gibt dort Organisationen, die darauf hinarbeiten, dass die Kinder und Jugendlichen in einem Ritual wieder in ihrem Heimatdorf aufgenommen werden. Das ist sehr wichtig, aber so in Deutschland natürlich nicht möglich.
sueddeutsche.de: Was macht es den Kindern hier besonders schwer?
Haversiek-Vogelsang: Sobald sie 16 Jahre alt sind, gelten sie als asylverfahrensfähig. Wenn sie dann in der Anhörung ihre Geschichte erzählen, wird ihnen in 95 Prozent der Fälle überhaupt nicht geglaubt. Das ist sehr problematisch. Dann kann ja nicht einmal ein Anfang gemacht werden, die Kinder zu rehabilitieren oder zu therapieren. Dafür ist ein Mindestmaß an äußerer Sicherheit unbedingt notwendig. Ohne Hilfe rutschen manche in die Kriminalität ab.
sueddeutsche.de: Das heißt: Die Kinder, die es bis in Ihre Einrichtung schaffen, haben richtig Glück gehabt.
Haversiek-Vogelsang: Ja, das ist eindeutig so.
Seit 2002 findet am 12. Februar jeden Jahres der Red Hand Day statt. Ziel ist es, weltweit Aufmerksamkeit für die Not der Kindersoldaten zu erzeugen. Das Symbol der Roten Hand wird überall in der Welt von der Coalition to Stop the Use of Child Soldiers und anderen Organisationen der Zivilgesellschaft verwendet, um die Rekrutierung und den Einsatz von Kindersoldaten zu verhindern.
Der Druck auf Regierungen und nichtstaatliche bewaffnete Gruppen wächst durch die ständigen Proteste der Organisatoren. Vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wird derzeit gegen Thomas Lubanga, den ehemaligen Kommandeur einer kongolesischen Rebellengruppe, der erste internationale Prozess wegen des Rekrutierens von Kindern geführt.
Weitere Informationen unter: www.redhandday.org
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(sueddeutsche.de/jja)
FKK-Slackliner Alexander Schulz
Angesichts der Brutalität und Unmenschlichkeit, fällt es schwer die richtigen Worte zu finden. Das Wenigste was wir tun können ist, diesen Menschen nicht noch weitere Schmerzen zuzufügen und Ihnen die Hand zu reichen, um ihnen wenigstens ein kleines Stück Normalität zurückzugeben.
Die führenden Industrienationen, die UNO, W I R sollten noch stärker auf eine positive Entwicklung dieser Regionen drängen und unsere Macht im positive Sinne nutzen. Leider wird unser Handeln oft von den eigenen Interessen bestimmt und Machthabern, die Menschen als Objekte benutzen, als weniger "schlimm" angesehen, wenn unsere Interessen nicht berührt werden.
@Guhvieh
Wir leben in einer globalisierten Welt - die Zukunft ist längst da.
Armut, Hunger, Krankheit, Brutalität und Krieg werden nicht vor unserer Tür halt machen, nur weil wir glauben, wir könnten die Tür abschließen.
Genau, dann helfen wir erst gar nicht, so kommen wir auch in kein Dilemma. Schön Augen zumachen, denn wo kämen wir denn sonst hin?
5% der Menschen aufnehmen, denen irgendwo in der Welt Unrecht geschieht, dann steht bald auf jedem Quadratmeter einer und hält die Hand auf.