Reaktionen auf das Kachelmann-Urteil "Damit bestätigt sich die schlimmste Angst von Frauen"

Ein fatales Signal? Nach dem Freispruch von Jörg Kachelmann befürchten Opferverbände, dass vergewaltigte Frauen in Zukunft noch seltener Anzeige erstatten - aus Angst, dass ihnen keiner Glauben schenkt. Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger sieht nach dem Urteil das "Vertrauen in die Unabhängigkeit der deutschen Justiz" gestärkt.

Aus Mangel an Beweisen hat das Mannheimer Landgericht Wettermoderator Jörg Kachelmann vom Verdacht der schweren Vergewaltigung freigesprochen. An der Haltung von Frauenrechtlerin Alice Schwarzer ändert das Urteil nichts, sie steht weiter hinter der Nebenklägerin. "Man muss auch Respekt vor dem möglichen Opfer haben", betont Schwarzer, die den Prozess für die Bild-Zeitung verfolgte. Das Verfahren habe gezeigt, dass Kachelmann "nicht nur diese Frau gezielt manipuliert hat", so Schwarzer.

Eine fatale Signalwirkung befürchtet die Organisation Terre des Femmes von dem Freispruch. Alle Betroffenen von sexualisierter Gewalt würden sich in Zukunft noch weniger trauen, Anzeige bei einer Vergewaltigung zu erheben, erklärt Geschäftsführerin Christa Stolle. Terre des Femmes ist eine gemeinnützige Organisation für Frauen und Mädchen. Stolle kritisiert die Berichterstattung über den Prozess und die Vorverurteilung der Klägerin in Teilen der Öffentlichkeit. Außerdem werde gewalttätigen Männern nicht das Gefühl vermittelt, dass "übergriffiges Verhalten" gegenüber Frauen verwerflich sei. "Selbst eine moralische Ächtung durch die Öffentlichkeit ist kaum noch vorhanden, wenn sich Prominente für beschuldigte Männer öffentlich einsetzen", fügt sie hinzu.

Auch der Opferhilfeverein Weißer Ring sieht in Kachelmanns Freispruch ein negatives Signal. "Das Verfahren mit seinen extremen Ausuferungen wird uns in unserer Arbeit behindern, weil viele Opfer davon abgehalten werden könnten, eine Vergewaltigung anzuzeigen", sagt Sprecher Veit Schiemann. Andererseits werde durch das gesamte Verfahren deutlich, dass die Opferhilfe dringend nötig sei. "Opfer dürfen nicht nur wie Beweismittel behandelt werden, sondern müssen auch eine aktive Rolle im Verfahren spielen." Schiemann kritisiert auch die Rolle des Gerichts. "Ich hätte mir gewünscht, Gericht und Staatsanwaltschaft hätten die Führung nicht verloren." Das Verfahren sei der Rechtsstaatlichkeit nicht zuträglich gewesen. Es bestehe die Gefahr, dass Opfer und Angeklagte den Respekt vor dem Gericht verlören.

Nach Ansicht von Staatsanwältin Gabriela Piontkowski, die beim Sonderdezernat "Gewalt gegen Frauen" der Bremer Staatsanwaltschaft arbeitet, sollte das Urteil Vergewaltigungsopfer keinesfalls von einer schnellen Anzeige abhalten. "Je länger es her ist, desto mehr verblasst die Erinnerung und desto schwieriger wird es, Beweise und Spuren zu sichern", sagt sie. Die Opfer könnten sich auch von Opferhilfe-Organisationen, Psychologen und Anwälten beraten lassen. Darüberhinaus sollten sie zu Gynäkologen gehen und Fotos von Verletzungen machen, so die Staatsanwältin. Nur so könne die Tat im Nachhinein belegt werden. Die Medien sollen sich laut Piontkowski fragen, ob ihr Sensationsinteresse zu dem Freispruch beigetragen habe. Die Entscheidung kommt für Piontkowski jedoch nicht überraschend. Prozesse wie der gegen Kachelmann gehörten zum Alltag: "Wir haben einen Rechtsstaat, man muss die Tat nachweisen. Wenn das nicht gelingt, erfolgt ein Freispruch."

Nach Einschätzung des Bundesverbandes deutscher Frauennotrufe löst das Mannheimer Urteil Unsicherheit und Bitterkeit bei Vergewaltigungsopfern aus. "Damit bestätigt sich die schlimmste Befürchtung von Frauen. Die Angst, dass man ihnen eine Vergewaltigung nicht glaubt", sagt Sprecherin Gudrun Wörsdörfer. Nur rund fünf Prozent der Frauen in Deutschland, die vergewaltigt würden, zeigten die Tat an, sagt sie. Die Quote sei sogar rückläufig. Denn die Täter sagten oft zum Opfer: "Das glaubt dir sowieso keiner." Oder sie drohten im Falle einer Anzeige mit noch mehr Gewalt.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger lobte das Urteil der Mannheimer Richter: Es habe das "Vertrauen in die Unabhängigkeit der deutschen Justiz" gestärkt, sagte die FDP-Politikerin der Passauer Neuen Presse. Gleichzeitig kritisierte sie die Rolle der Medien im Prozess. "Die Unschuldsvermutung ist in Gefahr, wenn Medien ihr Urteil fällen, lange bevor Richter gesprochen haben", so die Ministerin. Es bestehe die Gefahr, dass rechtsstaatliche Verfahren "ausgehebelt" würden, "wenn die Beweisaufnahme vom Gerichtssaal in Talkshows verlagert wird". Eine Vorverurteilung dürfe es nicht geben: "Für die Berichterstattung sind Freiheit und Verantwortung zwei Seiten derselben Medaille", sagte Leutheusser-Schnarrenberger. "Die Unschuldsvermutung soll davor schützen, als schuldig behandelt zu werden, bevor die Schuld in einem rechtsstaatlichen Verfahren nachgewiesen wurde."

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