Rassismus Reste des Menschenzoos

Ganze Familien sind entführt, nach Europa gekarrt und in Zoos ausgestellt worden. 130 Jahre danach nimmt Chile nun die Knochen von Ureinwohnern entgegen.

Von Peter Burghardt

Am Dienstag kehrten die Tierparkmenschen des Herrn Hagenbeck und seiner Schergen nach Chile zurück, ein später Empfang. Es war die vorletzte und bislang würdevollste Station einer Entführung, die fast 129 Jahre lang gedauert hatte. Fünf Körbe mit Skeletten wurden am Flughafen von Santiago aus einer Maschine aus Zürich geladen und zur II. Brigade der Luftwaffe gebracht, es folgte ein Staatsakt.

Ein Plakat für Hagenbecks Zoologischen Garten zeigt in ästhetisch anmutender Jugendstilgestaltung, dass dort im Jahr 1900 eine neue Sensation ausgestellt wurde: Völker aus anderen Ländern.

(Foto: Foto: SZ/Interfoto)

Sogar die Präsidentin Michelle Bachelet war an diesem Sommertag erschienen, sie entschuldigte sich im Namen der Nation für das Schicksal der repatriierten Toten. Minister standen Spalier, und zu den Ehrengästen gehörten auch Überlebende aus dem Stamm der Kawesqar. Viele Jahre nach deren Tode huldigte das Land zwischen Anden und Pazifik ihren Vorfahren Henry, Lise, Grethe, Piskouna und Capitán, die zu Lebzeiten verschleppt worden waren wie exotisches Vieh.

Als die Odyssee im August 1881 begann, wurden die Kawesqar alias Alakalufen in Feuerland auf Schiffe gepackt und in umgekehrte Richtung verschickt. Aus Deutschland kam eine Expedition des Hamburger Tierhändlers Carl Hagenbeck, der bald einen Zirkus eröffnete und im Stadtteil Stellingen einen Zoo, der seinen Namen bis heute trägt.

Vorgeführt in den Metropolen Europas

Zu seinen Ausstellungsstücken gehörten dann diese Seenomaden vom Ende der Welt, das sich die Europäer wie fast ganz Südamerika Untertan gemacht hatten. Elf von ihnen wurden wie andere Ethnien vorgeführt in Paris, Berlin, München, Leipzig, Stuttgart, Nürnberg, Zürich - "Völkerschauen" nannten sich Hagenbecks Shows. Die importierten Ureinwohner bekamen eingängige Namen verpasst und traten auf in Käfigen und auf Bühnen. "Wie Tiere - und das Publikum bezahlte für dieses schreckliche Schauspiel", sagt der chilenische Filmemacher Hans Mülchi, der aus alten und neuen Fragmenten gerade ein Dokumentarstück gemacht hat.

Bei der Recherche stießen Mülchi und der Historiker Christian Báez auf Spuren der bizarren Vergangenheit. In chilenischen Archiven fanden sie Beweise, dass Chiles Politik seinerzeit den Export von Kawesqar, Tehuelches, Salk'nam und Mapuches erlaubte.

Über Deutschland landeten die Fahnder danach in der Schweiz, wo die Zwangstournee damals mit Masern, Lungenentzündung und anderen Krankheiten der Fremde geendet hatte. Im anthropologischen Institut der Universität Zürich lagerten Knochen, die der Wissenschaftler Christoph Zollikofer fünf gekidnappten Kawesqar zuordnete. "Es war die größte Emotion meiner Karriere", erzählte der Regisseur Mülchi. Danach begann die Operation Heimholung, die Zeitung El Mercurio berichtete.

Zuhause in Chiles windumtosten Süden machten die Forscher einige wenige Nachfahren ausfindig. Vor allem in der Region von Puerto Eden leben die letzten Kawesqar. Die meisten waren nach der Ankunft der Walfänger, Pelzverkäufer und Menschenhändler wie Hagenbeck schon Anfang des 20. Jahrhunderts dahin gerafft worden.

Ein Akt der Wiedergutmachung

Rosa Catalán zählt zu dem spärlichen Rest, 70 Jahre alt ist die Kunsthandwerkerin. Sie nahm die Gebeine der mutmaßlichen Ahnen nun entgegen, balsamierte sie ein mit Öl in Häuten von Seelöwen und packte sie in Behälter aus Bast, wie es der beinahe vergessenen Tradition entspricht.

Die Sozialistin Bachelet sprach ein Mea Culpa. "Das ist ein Akt der Wiedergutmachung für die Behandlung, die den indigenen Völkern widerfahren ist", erläuterte José Antonio Viera-Gallo, der sich als Minister um die Belange der indianischen Chilenen kümmert. "Es ist sehr wichtig, dass Chile diese schreckliche Ungerechtigkeit anerkennt und die Ungeheuerlichkeiten zumindest symbolisch repariert."

Der ungewöhnliche Empfang ereignete sich kurz vor der Präsidentenstichwahl am Wochenende und einen Tag nach der Eröffnung des Museo de la Memoria, das im Auftrag von Staatschefin Bachelet die Opfer der Grausamkeiten von Pinochets Militärdiktatur (1973- 1990) würdigt. Zudem bekämpfen sich Polizei und Armee in der Region Araucanien seit Monaten mit Aktivisten der Mapuche, die von der Zentralregierung missachtet werden.

Anders als zum Beispiel Bolivien, wo der Aymara Evo Morales regiert, widmet sich das europäisch geprägte Chile erst zögerlich seinem indigenen Vermächtnis. "Man muss verstehen, dass die chilenische Geschichte von gewalttätigen Menschenrechtsverletzungen begleitet wurde", sagte Viera-Gallo dem Blatt El Mercurio. Der chilenische Staat will nun die Reste aller Familien zurück holen, die gegen ihren Willen mitgenommen wurden.

Die Nationalhymne wurde gespielt, dann wurden die fünf toten Kawesqar vom Militär nach Punta Arenas an die Magallan-Straße hinab geflogen, bedeckt von chilenischen Flaggen. Sie werden so beigesetzt, wie es Sitte war. Für Mittwoch ist ein Transport auf einem Boot der Marine zur Insel Karukinká vor Feuerland vorgesehen, sechs Stunden dauert die Fahrt. Die Nachkommen werden ans Ufer rudern und die Särge deponieren, anschließend soll das Friedhofseiland niemand mehr betreten. "Wir werden nicht zulassen, dass jemand hinfährt", sagt die Kawesqar Celina Llanllán, die mit der Delegation bis nach Zürich gereist war.

"Hier bestimmen die Alten." Die Toten aus Hagenbecks Menschenschau.