Von Stefan Ulrich, Paris

Vom französischen Meisterdieb Tony Musulin fehlt jede Spur. Hätte seine Firma die Zeichen erkennen können? Er fuhr zumindest Ferrari - nur ein seltsames Detail.

Auf den ersten Blick wirkt Tony Musulin wie ein Mann ohne Eigenschaften. Nachbarn und Kollegen beschreiben ihn als zurückhaltend und schweigsam. Seine frühere Freundin sagt, er habe für seinen Job gelebt und sei abends gern daheim geblieben. Als Polizisten am vergangenen Donnerstag seine Wohnung in einem Vorort von Lyon durchsuchten, fanden sie nur wenige Spuren von dem 39-jährigen Mann ohne Vorstrafen. Das Bett war abgezogen, der Kühlschrank leer. Persönliche Papiere entdeckten die Beamten keine. Die Konten Tony Musulins waren abgeräumt und geschlossen.

Bild vergrößern

Nur noch mit etwa 2,6 Millionen Euro unterwegs: Geldfahrer Musulin. (© Foto: AFP)

Anzeige

Seitdem jagt die französische Polizei ein Phantom - und allerlei Fanklubs im Internet feiern einen neuen Meisterdieb. In Foren wird Musulin bereits mit dem legendären britischen Posträuber Ronald Biggs verglichen. "Genial und gewaltfrei, chapeau!", so preist ein Blogger sein neues Idol. Eine Website vertreibt T-Shirts, auf denen ein Porträt des Flüchtigen prangt. "Ich liebe meinen Job", steht auf Englisch darunter.

Sein Beruf hat Tony Musulin gerade zum Millionär gemacht, obwohl er nur 1700 Euro netto im Monat verdiente. Seit zehn Jahren arbeitete der junge Mann serbischer Abstammung als Geldtransport-Fahrer der Firma Loomis in Lyon. Am Donnerstag fuhr er mit zwei Begleitern in einem gepanzerten Wagen zur Filiale der Banque de France in Lyon, um dort 49 verschweißte Plastiksäcke mit 11,6 Millionen Euro in neuen und gebrauchten Scheinen aufzunehmen. Auf dem Rückweg hielten sie im Hof einer anderen Firma. Musulins Begleiter gingen hinein, um weiteres Geld zu holen. Als sie um 10.10 Uhr herauskamen, waren Musulin und der Transporter weg.

Die Polizei entdeckte zwei Stunden später das gepanzerte Fahrzeug. Es war leer. Seither glauben die Ermittler, dass erstmals in der Kriminalgeschichte Frankreichs ein Geldtransport-Fahrer sein eigenes Fahrzeug geplündert hat. Eine Großfahndung läuft. Am Montag konnten die Ermittler in Lyon mitteilen, etwa neun Millionen Euro aus der Beute seien in einer Garage sichergestellt worden. Der Rest fehle, genauso wie Musulin, der sich womöglich ins Ausland abgesetzt habe.

Kaum einer glaubt, dass der 1,80 Meter große Mann mit den braunen Haaren und den blauen Augen alleine gehandelt hat. Schon um die 49 schweren Säcke mit den 500-, 50- und 5-Euro-Scheinen aus dem Transporter zu schleppen und in ein Fluchtauto zu packen, wird er Helfer benötigt haben. Zudem braucht er gefälschte Papiere für die Flucht und einen sicheren Unterschlupf. Ein Funktionär der Polizeigewerkschaft Alliance meint: "Tony Musulin konnte nicht alleine agieren. Er hat sicher auf Kommando gehandelt." Im Verdacht stehen osteuropäische Mafia-Banden.

Das Unternehmen Loomis teilte inzwischen mit, der Fahrer habe in all den Jahren tadellos gearbeitet. Doch nach und nach werden Dinge bekannt, die Zweifel an dem Mann ohne Eigenschaften erregen. So hatte sich der knapp bezahlte Sicherheitsmann einen Ferrari gekauft, den er im April als gestohlen meldete. Auf Bankkonten hortete er zwischenzeitlich fast 100.000 Euro. Ein Kollege bei Loomis erinnert sich zudem: "Er kritisierte dauernd an allem herum."

So scheint sich Musulin am Ende selbst einen Millionenbonus genehmigt zu haben. Obwohl er so zum Verbrecher wurde, wird seine Tat im Internet zum Jahrhundertcoup hochgejubelt. "Lass dich nicht erwischen, Alter!", witzeln seine Fans.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Der Trauertänzer

"Leben, das ist Bewegung": Felix Grützner tanzt auf Beerdingungen, um an die Verstorbenen zu erinnern und Raum für Gefühle zu schaffen. Jetzt lesen ...

(SZ vom 10.11.2009/grc)