Reality-TV mit Bildungsanstrich: Ein ARD-Erfolg im Schwarzwald inspiriert das ZDF.
Fünf Monate Frieren in Sibirien. Ohne fließendes Wasser, Strom aus der Steckdose und Komfort. Sibirien, schwärmt das ZDF, was klinge nicht alles mit in diesem Wort: Tiger, Taiga, endloses Land zwischen Steppe und Polarmeer sowie Menschen, die wahre Lebenskünstler sind.
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Hunderte von Bewerbungen seien eingegangen, als man für Sternflüstern - Das Sibirien-Abenteuer zwei deutsche Familien suchte, die sich den Lebensbedingungen in einem kleinen Dorf am Baikalsee aussetzen wollten.
Die im "Sibirien-Haus" jenen Thrill suchten, den das behütete Leben zuhause nicht bietet.
Im Sommer 2001 hatte die ARD die fünfköpfige Berliner Familie Boros in ein Schwarzwaldhaus geschickt, wo sie zehn Wochen lang so leben sollte, wie man das 1902 dort tat.
Die Zuschauer sahen fleißig zu, wie sich die Boros' mit den Tücken der Landwirtschaft herumschlugen. Die Quote war gut, und den Grimme-Preis bekam die erste öffentlich-rechtliche "Living-History-Doku" auch noch.
Nun gibt es bald das nächste Geschichtsprojekt des Ersten: 1900 - Leben im Gutshaus, eine ähnliche Versuchsanordnung, die von April an auf einem alten Hof in Ostelbien abgefilmt wird.
(Quoten-)Erfolg steckt an, und zwischenzeitlich hat sich auch das ZDF für ein kleines Menschen-Experiment entschieden: Im vergangenen September schickte der Mainzer Sender die sechsköpfige Familie Möchel aus Bayern sowie Vater, Mutter und Tochter Klapproth aus dem Harz nach Sibirien.
Das Reiseziel bot sich an: Im Dörfchen Chuschir herrschen ähnliche Bedingungen wie im Schwarzwald vor hundert Jahren. Das erleichtert die Zeitreise in die Vergangenheit.
Zwei leerstehende Häuser waren schnell gefunden, es wurde ein bisschen renoviert und ein kleines Startgeld auf dem Küchentisch deponiert - das war's.
Es ist sicher kein Zufall, dass sich das große Sibirien-Abenteuer über den Winter erstreckt: die bittere Kälte (bis zu minus 40 Grad) ist eine willkommene Extremsituation.
Genau das wollen die Spielleiter des ZDF. Also: Ab nach Sibirien. Wie werden sich die Möchels (er: Schreiner, sie: Hobby-Bildhauerin) und ihre vier kleinen Mädels beim Kühemelken und Holzhacken anstellen?
Und was ist mit den Klapproths (er: Airbrush-Künstler, sie: Krankenschwester)? Wie schaffen sie es, ihr Haus zu wärmen und Gemüse einzuwecken? Gefriert der Atem der Deutschen zu feinen Eiskristallen, die leise klirrend zu Boden fallen - was die Sibirjaken "Sternflüstern" nennen?
Über solche Fragen berichten im ZDF flankierend das Kindermagazin Pur, das Magazin ZDF.reporter und der digitale Infokanal.
Sonst schickt der Sender seine Reporter in fremde Länder - nun also jene, die üblicherweise zuschauen bei Russland-Korrespondent Dirk Sager. Es geht bei der Überlandverschickung in den vier gut platzierten Folgen von Sternflüstern (20.15 Uhr) um die Neugier auf zu erwartende Emotionsausbrüche.
Schrecklich hehr
Im ZDF jedoch ist dieses Format nicht Big Brother, sondern gewissermaßen Reality-TV mit Bildungsauftrag. So wird bei den nach Sibirien exportierten Familien nur nach vorheriger Anmeldung gefilmt; es hat etwas rührend Anständiges, wenn der Kameramann die weinende Frau Klapproth ausblendet.
ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut beschreibt schrecklich hehre Absichten: Es sei eine "experimentelle Form der Dokumentation, die dem Genre eine neue Authentizität verleiht".
Authentizität? Der Experte Fritz Wolf hat in einer Studie festgestellt, dass bei den Erlebnis-Dokus zwischen TV-Machern und Zuschauern ausgehandelt werde, "was wir unter dokumentarisch und authentisch verstehen". Was Bellut preist ("Das Fernsehen berichtet nicht nur über die Realität, sondern wir schaffen eine besondere Situation und dokumentieren ihre Entwicklung"), bedeutet, dass Jenni Klapproth vor der Kamera nach einem Satellitentelefon fahnden muss, um ihren kranken Vater in einem Hospital anzurufen - während sie und alle anderen wissen, dass das ZDF-Team ein funktionierendes Satellitentelefon besitzt. Doch das darf es ja nicht geben - eine Inszenierung wird als sibirische Realität verkauft.
Sternflüstern, ZDF, Dienstag, 20.15 Uhr.
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(SZ vom 20.1.2004)
Studie von UN-Kinderhilfswerk