Spendenbereitschaft bei Katastrophen Kampf gegen die Mitleidsmüdigkeit

Das Erdbeben in Haiti, die Flutkatastrophe in Pakistan oder die Hungersnot in Ostafrika: Große Naturkatastrophen und ihre mediale Darstellung mobilisieren immer wieder viele Spender, allerdings nur für kurze Zeit: Wie Psychologen das Verhalten erklären - und wie Spendenwillige effektiv helfen können.

Von Tim Neshitov

Spenden ist menschlich. "Nur allein der Mensch vermag das Unmögliche: Er unterscheidet, wählet und richtet", schrieb Goethe. "Er allein darf den Guten lohnen, den Bösen strafen, heilen und retten."

Neurowissenschaftler sehen die Sache nüchterner. Zwar ist Mitleid eine menschliche Eigenschaft, zu der kein anderes Lebewesen in der Lage ist. "Wenn du auf der Straße einen verwundeten Hund siehst, empfindest du den Schmerz und die Angst dieses Hundes nach", schreibt US-Forscher Noam Shpancer, der sich mit der Psychologie der Wohltätigkeit beschäftigt: "Soweit wir wissen, schert sich eine Giraffe herzlich wenig um ein verwundetes Zebra."

Unsere Reaktionen auf Naturkatastrophen sind jedoch erstens vorhersehbar und zweitens steuerbar. Für Hilfswerke ist das eine verlässliche Arbeitsgrundlage: Erdbeben und Tsunamis schlagen zwar unerwartet zu, aber die Helfer ahnen oft, wie sich das Spendenverhalten der Menschen entwickeln wird und können auf dieser Grundlage ihre Rettungsaktionen planen. Allerdings wünschen sich viele Hilfswerke gerade jetzt, während der Hungersnot im Osten Afrikas, die Geber würden sich mehr Gedanken machen über den Zweck ihrer Spenden.

Menschen reagieren meist auf Katastrophen, die bereits eingetroffen sind. Besser wäre es, in langfristige Programme zu investieren, die diese Katastrophen verhindern könnten. "Wie viele von denen, die für Haitis Opfer gespendet haben, hätten Geld überwiesen, um Haitis Gebäude vor dem Erdbeben auf Vordermann zu bringen?" fragt Shpancer.

Ein weiterer Grundsatz der Hilfspsychologie besagt, dass für den Spendenumfang die Darstellung von Not in den Medien wichtiger ist und als die tatsächliche Not. Amerikaner haben im vergangenen Jahr für die Opfer des Hochwassers in Pakistan deutlich weniger gespendet als für Haiti, obwohl die Flut zehnmal mehr Menschen getroffen hatte als das Erdbeben. Für US-Medien ist Haiti zugänglicher als Pakistan. Die Deutschen wiederum haben für die Flutopfer sehr viel gespendet, was Hilfswerke vor allem auf den Appell des Bundespräsidenten in der ARD zurückführen.