Psychologe über Breivik-Prozess "Sehr unwahrscheinlich, dass er schizophren ist"

Süddeutsche.de: Die konkrete Diagnose würde dann nach Gesprächen erfolgen?

Merckelbach: Es wäre ein psychiatrisches Interview notwendig, ja. Aber auch hier versuchen wir, so oft wie möglich Tests in die Diagnose einzubinden. Es gibt standardisierte Verfahren, um geistige Erkrankungen wie Schizophrenie oder Depression festzustellen. Nur wenn objektive Tests verwendet werden, können andere Sachverständige Ergebnisse replizieren, wenn beispielsweise die Staatsanwaltschaft oder Verteidigung eine zweite Expertenmeinung einfordert. Ansonsten besteht immer die Gefahr, dass die Persönlichkeit des Gutachters bzw. seine Beziehung zum Angeklagten zu einem anderen Urteil führt.

Süddeutsche.de: Wie geht das?

Merckelbach: Mit der Zeit lernen sich Psychiater und Angeklagter kennen. Und der Psychiater wird immer sensibler für die Geschichte seines Gegenübers, kann irgendwann nachvollziehen, warum er das Verbrechen begangen hat. Das ist verheerend für ein objektives Urteil. Genau wie in Deutschland und anderen europäischen Ländern waren und sind auch in den Niederlanden immer noch die Psychoanalytiker dominierend. Die gehen von zwei Annahmen aus. Erstens: Schlimme Folgen haben schlimme Ursachen, und die liegen im Kopf. Sie gehen davon aus, dass bei Menschen, die ein schweres Verbrechen verüben, eine psychische Erkrankung vorliegen muss. Darüber hinaus stützt sich die alte Psychiatrieschule auf die Annahme, dass man mithilfe eines psychoanalytischen Gesprächs herausfinden kann, woran eine Person leidet. Beide Annahmen halte ich jedoch für blödsinnig.

Süddeutsche.de: Warum?

Merckelbach: Ein gescheiter Angeklagter kann den Gutachter sehr wohl an der Nase herumführen. Studien zufolge sind etwa 30 Prozent der psychischen Erkrankungen bei Straftätern nur vorgetäuscht. Mancher Verurteilte, der eine Geisteskrankheit nur geschauspielert haben, outet sich nach einer Zeit selbst, weil sie es in der Psychiatrie nicht mehr aushält. Aber das sind längst nicht alle. Gott sei Dank setzt sich langsam - nicht nur hier in Maastricht - die Überzeugung durch, dass wir in der Rechtspsychologie bzw. -psychiatrie Test brauchen, um uns gegen Simulanten zu schützen. Dabei spielen auch die Medien eine wichtige Rolle: Die haben in der Vergangenheit immer wieder darauf hingewiesen, dass insbesondere die Einschätzungen und Prognosen solcher Psychologen und Psychiater falsch waren, die in der Tradition der alten Schule arbeiten. So konnte und kann es immer wieder zu fatalen Fehleinschätzungen kommen, mit der Folge, dass gefährliche Straftäter freigelassen werden.

Süddeutsche.de: Wie kann man das verhindern?

Merckelbach: Es gibt auch zur Bewertung des Rückfallrisikos sehr gute Tests. Mit denen lässt sich verlässlicher feststellen, ob es sich um einen Psychopathen handelt, der grundsätzlich gefährlich ist, oder um jemanden, der aufgrund punktueller negativer Lebensumstände kriminell wurde. Studien aus den USA belegen, dass die Vorhersage statistischer Instrumente zwar nicht fehlerfrei ist - aber allemal besser, als die Vorhersage eines alten Psychiaters, der ein bisschen nett mit dem Angeklagten oder Häftling plaudert.

Süddeutsche.de: Der norwegische Attentäter Anders Behring Breivik hat seine Taten akribisch geplant und sehr konsequent durchgeführt. Trotzdem sind zwei Gutachter zu dem Schluss gekommen, dass er psychisch krank ist, unter paranoider Schizophrenie leidet. Für den Laien klingt das wie ein Widerspruch.

Merckelbach: Im Fall Breivik war es so, dass einer seiner Anwälte im ersten öffentlichen Statement gesagt hat, dass sein Mandant unter paranoider Schizophrenie leidet. Das war aus Sicht der Verteidigung ein kluger Schachzug, denn Studien zeigen, dass Laien diese Erklärung überzeugend finden: Wenn ein radikales Verbrechen geschieht, muss es im Kopf des Täters eine Abnormalität geben. Ein gesunder Mensch hätte so etwas Abscheuliches nicht planen und durchführen können. Ähnlich denken die Psychiater alter Schule, zu denen wohl die ersten beiden Gutachter gehören. Ich halte es im vorliegenden Fall jedoch für sehr unwahrscheinlich, dass der Angeklagte schizophren ist - das Konzept der Krankheit passt überhaupt nicht zu Breiviks Handeln.

Süddeutsche.de: Können Sie das erklären?

Merckelbach: Wenn Patienten mit Schizophrenie etwas sagen oder schreiben, ist das typischerweise sehr chaotisch, wirr. Sie erfinden Wörter, ihre Argumentation ist unlogisch, man kann ihre Ausführungen nur schwer nachvollziehen. Das ist bei Breivik nicht der Fall: Wenn man sich anguckt, was er in seinem Manifest geschrieben hat, dann ist das zwar rechtsradikal und menschenverachtend. Aber man kann ihm gut folgen, das sind nicht die Worte eines paranoiden Schizophrenen. Und ich halte es auch für unmöglich, dass eine Person mit einer akuten Psychose ein Verbrechen dieser Komplexität vorbereitet und begeht.

Süddeutsche.de: Welche Straftaten sind typisch für Schizophrene?

Merckelbach: Wir hatten vor einiger Zeit einen Fall hier in Maastricht: Ein Mann war überzeugt, er müsste Kontakt zu Gott aufnehmen, und ist in einen mittelalterlichen Turm geklettert. Oben hat er dann gewaltsam versucht, ein Fenster zu öffnen. Das ist heruntergestürzt und hat einen Passanten erschlagen. Der Schizophrene hat zwar dumm gehandelt, mit furchtbaren Folgen, aber er war nicht gezielt aggressiv. Es gibt das Vorurteil, Schizophrene seien gefährlich. Wenn schlimme Verbrechen geschehen, heißt es in der Presse schnell: Der Täter muss unter Schizophrenie leiden. Aber der Großteil der Erkrankten würde solche Taten nie begehen. Die meisten Patienten sind sehr ängstlich, gehen nicht gerne unter Leute. Wenn sie gewalttätig werden, dann in der Regel gegen Menschen, die ihnen nahestehen.

Süddeutsche.de: Wenn Breivik nicht schizophren ist, hat er dann möglicherweise eine andere psychische Erkrankung?

Merckelbach: Das lässt sich aus der Ferne schwer beurteilen. Er könnte ein geistig gesunder Mann sein, der auf der Suche war nach seinem claim for fame, der berühmt werden wollte. Oder er könnte ein Psychopath sein. Weder die Juristen, noch die forensischen Psychologen und Psychiater wissen, wie sie damit umgehen sollen: Ist Psychopathie ein Persönlichkeitszug oder ist es eine Erkrankung? Ich halte ersteres für überzeugender, denn es deutet nichts daraufhin, dass Psychopathen nicht in der Lage sind, ihr Verhalten zu kontrollieren. Nur wenn das der Fall wäre, müsste man von einer Krankheit ausgehen, die die Zurechnungsfähigkeit einschränkt.