Erneut steht Sabine H. wegen der Morde an ihren neun Babys vor Gericht. Ob ihr Mann ihr bei den Taten geholfen habe, verschweigt sie. Der Vater der Kinder könnte straffrei ausgehen.
Sabine H. lebt seit 21 Monaten mit einem Tisch und einem Bett auf ein paar Quadratmetern im brandenburgischen Duben. Man gibt ihr Bücher und regelmäßig zu essen, sie lernt Chinesisch und Italienisch, das Trinken alkoholischer Getränke hat sie eingestellt. Sie ist hier sicher vor sich selbst, jedenfalls wenn sie das nicht anrührt, was sie in sich vergraben hat.
"Ich habe mich über jedes Kind gefreut", gibt die Angeklagte Sabine H. vor Gericht - hier mit ihrem Anwalt Matthias Schöneburg - zu Protokoll. (© Foto: ddp)
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Es dürfte Sabine H. einiges gekostet haben, in ihrer Gefängniszelle die Akten zu lesen, die man über sie angelegt hat. Sie handeln von einer Mutter von drei Kindern, die ihr viertes Kind nach der Geburt sterben lässt, dann das fünfte und das sechste. Am Ende sind es neun Babys, die sie in Balkonkästen und Kübeln verscharrt. Sie trennt sich nicht von diesen toten Wesen, lässt sie mitten in ihrem Leben herumliegen, bis man die Kübel im August 2005 in einem Dorf bei Frankfurt an der Oder und im Schuppen ihrer Mutter findet.
Zu 15 Jahren Haft, also zur Höchststrafe wegen Totschlags durch Unterlassen, hat man Sabine H. im Juni 2006 verurteilt, und es sieht nicht so aus, als würde sich an dieser Strafe etwas ändern. Das Landgericht in Frankfurt an der Oder steht vor dem Ende eines Revisionsverfahrens, in dem am Montag ein Urteil fallen könnte. Doch schon wie beim ersten Prozess um die neun toten Babys irren Juristen und Prozessbeobachter ratlos durch eine Biographie, deren Katastrophen unbegreiflich bleiben. Weil Sabine H. sie nicht ans Licht holt.
Immerhin, sie redet bei diesem Revisionsverfahren zum ersten Mal öffentlich über sich. Leise, ängstlich, manchmal versickert ihre Stimme fast. Sie ist jetzt 42 Jahre alt, und hinter ihr liegt ein Leben in Abhängigkeit. Erst von den Eltern, die sie behüten, aber wenig über sie zu wissen scheinen. Dann von Oliver H., der ist von der Stasi und macht ihr ein Kind, als sie 17 ist. Sabine H. folgt ihrem Mann in ein Frankfurter Hochhaus, lässt ein zweites Kind kommen und ein drittes. Die Liebe geht, der Sex bleibt, zu sagen haben die beiden sich nichts mehr. "Wenn mein Mann wortkarg vor dem Fernseher saß, habe ich mich in die Küche gesetzt und Wein getrunken. Ich konnte seine versteinerte Miene nicht mehr ertragen, sein Schweigen", sagt Sabine H. vor Gericht.
Wer verstehen will, was dann geschah, muss sich so etwas wie Isolationshaft vorstellen, totale Einsamkeit inmitten der Gesellschaft. Sabine H. hat keine Freunde und kaum Kontakt zu den Nachbarn, die alle bei der Stasi sind. Als sie 1988 wieder schwanger wird, hofft sie, dass ihr Mann reagiert. "Ich habe gedacht, er wird es doch mitkriegen." Sie weiß, dass er kein weiteres Kind will. Sie hat Angst, dass er sie verlässt. Also wartet sie, trinkt und wickelt das, was schließlich aus ihr herauskommt in ein Handtuch. Was dann passiert, ist unbekannt. Nein, versichert Sabine H., sie habe nie ein Baby töten wollen."Ich habe mich über jedes Kind gefreut."
Wie im ersten Prozess hat ein psychologischer Gutachter dieser Mutter volle Schuldfähigkeit attestiert. Wäre sie bei neun Geburten sinnlos betrunken gewesen, wie sie behauptet, hätte sie ihre Spuren nicht so perfekt verwischen können. Es sei denn, ihr Mann hätte ihr geholfen. Sabine H. verrät aber nicht, ob er das getan hat. Aber gewusst habe er es vermutlich schon. Irgendwann erzählt sie, ihr Mann habe sie mal angebrüllt: "Glaub bloß nicht, dass ich nicht mitbekommen habe, dass du schwanger warst."
Wie hätten dem Mann auch so viele Schwangerschaften entgehen können? Die Richterin Barbara Sattler, die Staatsanwältin Anette Bargenda, der Verteidiger Matthias Schöneburg, das Publikum im Gericht - es gibt niemanden, der glauben kann, dass dieser Vater nichts geahnt hat. Womöglich hat er bei diesem Serienverbrechen sogar zugesehen oder mitgeholfen. Nachzuweisen ist ihm das nicht.
Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen gegen Oliver H. wegen des Verdachts des Totschlags eingeleitet, und das Protokoll seiner Vernehmung wird vielleicht am Montag verlesen. Es macht sich aber kaum einer Illusionen, dass die ganze Wahrheit über diesen Vater noch ans Licht kommt. Vor Gericht hat er auch diesmal wieder geschwiegen, genau wie die drei lebenden Kinder der Familie. Die Mutter hilft dabei, auf ihre Art. Immer wenn es darum geht, was zwischen der Geburt und dem Tod ihrer Babys passiert ist, scheint Sabine H. eine Amnesie zu befallen. Sie weiß nicht, sie wüsste es auch gern, keine Ahnung, sagt sie.
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(SZ vom 07.04.2008/cag)
FKK-Slackliner Alexander Schulz
für diese Taten - und noch viel weniger, wenn sie in einem Staat begangen wurden, in dem Verhütungsmittel und Abtreibungen jederzeit und problemlos zur Verfügung standen.
danke für diesen artikel, der zumindest versucht, dieses grauen zu erklären. und zeigt, dass wir es uns nicht zu einfach machen dürfen, solche täter als monster darzustellen. die taten sind monströs. und ihre lebensumstände sollen das nicht entschuldigen. aber sie lassen das unbegreifliche zumindest ein wenig verstehen.
Entschuldigung, hieß es nicht mal, die SZ verweigere sich der Rechtschreibreform? Oder hab ich da was nicht mitgeschnitten?
Na ja, mir gefällt "wegen toter Säuglinge" immer noch besser...