Prozess gegen "Böhse Onkelz"-Sänger Brutale Szenen

Früher war er ein Held der Außengestoßenen, jetzt ist er am Ende: Kevin Russell, Ex-Frontmann der "Böhsen Onkelz", steht in Frankfurt wegen Fahrerflucht vor Gericht.

Von Marc Widmann

Als er hereinschleicht in den Gerichtssaal, das Gesicht fahl und eingefallen, der Gang unsicher, als er sich mit einem leisen Ächzen auf die Anklagebank sinken lässt, erschrecken selbst seine Fans. "Wie ein Gespenst sieht er aus", sagt ein Zuschauer im schwarzen T-Shirt mit dem Schriftzug "Böhse Onkelz".

Für diese Band sang und schrie Kevin Richard Russell einst Texte wie "Ich will lieber stehend sterben als kniend leben", ein energischer Frontmann mit langem blonden Haar, kurzem Bart und viel Wut in der Stimme. Nun, auf der Bühne des Frankfurter Landgerichts, wirkt er nur noch wie ein kranker Mann, viel älter als 46 Jahre.

"Ich bin mehr oder weniger Frührentner", sagt Russell ganz zu Beginn mit heiserer Stimme, dann schweigt er. Er schüttelt noch ab und zu den Kopf, als wolle er nicht wahrhaben, dass die Beweise gegen ihn das sind, was Juristen erdrückend nennen. Der Staatsanwalt braucht nur wenige Minuten, um die Anklage zu verlesen: fahrlässige Körperverletzung, Fahren unter Drogeneinfluss, Unfallflucht.

Mit 230 Kilometern pro Stunde soll Russell in der vergangenen Silvesternacht auf der A66 von Wiesbaden Richtung Frankfurt gerast sein, im Blut zahlreiche Drogen und Medikamente. Beim Spurwechsel prallte er laut den Ermittlungen um 20.20 Uhr gegen einen Opel, beide Autos schleuderten gegen die Leitplanke, und in dem kleinen Astra wären zwei junge Männer fast gestorben, hätten nicht andere Helfer sie aus dem brennenden Wrack gezogen. Russell soll sich noch kurz umgesehen haben am Unfallort, so schilderte es ein Zeuge. Dann sei er über die Felder davongelaufen.

"Der hat mein Leben kaputtgemacht", ruft eines der Opfer in den Gerichtssaal, "der hat mich hundert Prozent zum Krüppel gemacht." Immer wieder deutet er auf den erstarrten Mann auf der Anklagebank, immer wieder ruft er: "Wie kann ein Mensch so was machen?" Der 22-Jährige hat nicht nur drei Finger verloren bei dem Unfall, auch seinen Ausbildungsplatz, seinen Halt im Leben. Er leidet unter Depressionen und einem Trauma, er wird auf dem Zeugenstuhl von Weinkrämpfen geschüttelt, und bevor er geht, schaut er noch einmal zu Russell und ruft: "Ich kann dieses Gesicht nicht mehr sehen!" Es sind brutale Szenen. Sie passen zum harten Leben von Kevin Russell.

Früher hat er rechtsradikale Texte wie "Türken raus" und "Deutschland den Deutschen" gesungen, später heroische. Damit wurden die Böhsen Onkelz zur Kultband der Ausgestoßenen. Heroisch ist sein Leben jedoch nie. Als Kind leidet er unter der Alkoholsucht seiner Mutter und dem Davonlaufen des Vaters, eines englischen Piloten, und wird schnell aggressiv.

Der Absturz in die Drogenabhängigkeit folgt 1990, nachdem ein enger Freund der Band in einer Frankfurter Kneipe erstochen wird. Er stirbt in Russells Armen. Zwei Jahre später trinkt der Sänger zwei Liter Jägermeister und nimmt mehrere Gramm Heroin täglich, so schildert es die Band auf ihrer Internetseite. Als die Böhsen Onkelz 2005 zerbrechen, liegt das auch an Russells Absturz, der unaufhaltsam erschien.

Einige Beobachter spekulierten vor dem Prozess, Russell werde vielleicht gestehen. Schnell jedoch wird klar, dass der Brite die Tat bestreitet, auch wenn zahlreiche Indizien gegen ihn sprechen: Seine DNS haben die Ermittler auf dem Fahrer-Airbag des Audis gefunden. Seine Zahnprothese lag im Fußraum des Unfallwagens. In dem Fahrzeug lag auch eine Jacke mit der Schlüsselkarte zu dem Hotelzimmer im Taunus, wo er wohnt.

Als die Polizisten ihn dort aufsuchten, entdeckten sie bei Russell eine "blutige Schramme" an der Nasenwurzel, wie ein Kommissar erzählt. Und dann beschlagnahmten die Fahnder auch noch Überwachungsvideos einer Tankstelle an der A66, die Russell wenige Minuten vor dem Unfall beim Einkaufen zeigen. Die Tüte ließ er im Unfallwagen zurück.

Als diese Indizien aufgezählt werden, schüttelt der Ex-Sänger immer wieder den Kopf, "no" sagt er einmal kaum hörbar, dann hebt er ironisch den rechten Daumen in Richtung des Richters, woraufhin sein Verteidiger auf ihn einredet. Vielleicht hofft Russell noch auf seinen Bekannten Thomas W., der in der Unfallnacht zur Polizei ging und behauptete, er selbst habe den Wagen gefahren. Es gibt nichts, was für diese Version spricht, aber vieles, das dagegen spricht. Im Falle eines Schuldspruchs droht Russell eine Haftstrafe von bis zu fünf Jahren.