Neun Monate verdrängte sie ihre Schwangerschaft, dann kam es zur Katastrophe: Eine 22-jährige Studentin aus Brandenburg soll ihr neugeborenes und ihr ungeborenes Kind getötet haben.

Um ihren Eltern von ihrer Schwangerschaft zu erzählen, habe es ihr an Kraft und Mut gefehlt - doch heute bereue sie ihr Handeln zutiefst: Mit einer umfassenden Erklärung der Angeklagten hat vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) der Prozess gegen eine 22-jährige Studentin aus Brandenburg begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, ihre beiden Zwillinge getötet zu haben - das eine kurz nach der Geburt, das andere, als es noch in ihrem Leib steckte. Die Anklage lautet auf zweifachen Totschlag.

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Eine 22-jährige Lehramtsstudentin hat im Landgericht Frankfurt/Oder gestanden, ihre Zwillinge getötet zu haben. (© Foto: dpa)

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Dem Verteidiger zufolge handelte es sich bei der Frau um eine "klassische verdrängte Schwangerschaft". Seine Mandantin habe sie durchaus erkannt, aber immer gehofft, es werde schon gut gehen - bis zu der Nacht Ende März diesen Jahres. Schon den ganzen Tag lang, hieß es in der Erklärung der Angeklagten, die ihr Anwalt vor Gericht verlas, habe sie unter starken Bauchschmerzen gelitten. In der Nacht sei der Schmerz unerträglich geworden. Sie brachte das erste Kind im Badezimmer zur Welt.

"Nicht mehr bewusst miterlebt"

Der Junge habe sich bewegt und geröchelt. "Ich ging davon aus, er würde sterben und drückte ihn fest an mich." Das dann leblose Kind wickelte sie "wie ein Roboter" in ein Stück Stoff, steckte es in eine Plastiktüte und legte es unter ihre Schlafcouch. Doch danach seien die Schmerzen immer schlimmer geworden.

Sie habe dann versucht, das zweite Kind aus ihrem Leib zu ziehen und dabei auch auf ihren Bauch gedrückt. "Ich habe das Ganze nicht mehr bewusst miterlebt", zitierte der Anwalt seine Mandantin.

Nach Darstellung der Staatsanwältin soll die Angeklagte mit den Fäusten oder einem Gegenstand auf den Bauch geschlagen und versucht haben, das Kind am Arm aus ihrem Körper zu ziehen.

Durch die Geräusche im Bad seien die Eltern wachgeworden. Der Vater fand seine blutende und vor Schmerzen schreiende Tochter und ließ sie in ein Berliner Krankenhaus bringen. Dort wurde das tote Ungeborene per Kaiserschnitt entbunden. Dabei entdeckten die Ärzte die zweite Nabelschnur und schöpften Verdacht.

Ermittler durchsuchten das Elternhaus und fanden das zweite Neugeborene tot auf. "Sie hat in zwei Fällen Menschen getötet, ohne Mörderin zu sein", erklärte die Staatsanwältin. Bei der Polizei hatte die Lehramtsstudentin erklärt, sie habe keine Kinder gewollt. Mit dem Vater habe sie keine Beziehung, sondern nur eine kurze Affäre gehabt.

Die Angeklagte, Schwester von zwei älteren Brüdern, bezeichnet sich vor Gericht als "Nesthäkchen" mit "sorgenfreier Kindheit". Eine Kehrseite sei die starke Kontrolle durch ihre Mutter gewesen, die es ihr nicht erlaubt habe, ihre Persönlichkeit zu entfalten. Der Vater, ein Ingenieur, habe für die Familie immer das Beste gewollt, aber wie ein Patriarch geherrscht.

Angst vor den Eltern

"Es war schwierig, meinen Eltern etwas Schlimmes mitzuteilen", berichtete sie. "Ich wollte immer ein Vorzeige- Töchterchen sein." Es habe ihr an Kraft und Mut gefehlt, den Eltern von ihrer Schwangerschaft zu erzählen. Auch während der Geburt hatte sie versucht, alles möglichst geräuschlos hinter sich zu bringen.

Der Vater der Kinder, ein Student aus Greifswald, tritt als Nebenkläger auf. Für das Verfahren sind zunächst fünf Verhandlungstage vorgesehen. Im Prozess wird es vor allem darum gehen, ob die Angeklagte wegen einer psychischen Ausnahmesituation vermindert schuldfähig ist.

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(sueddeutsche.de/dpa/AP/abis/aho)