Prozess um Tod in Polizeizelle Bis aller Rauch verzogen ist

Im Brandschutt in der Zelle wurden die verschmorten Reste eines Feuerzeugs gefunden. Wie war es dorthin gekommen? Die Staatsanwaltschaft hat unterstellt, der Angeklagte M. habe es beim Durchsuchen des Festgenommenen übersehen, und daraus den Vorwurf der fahrlässigen Tötung abgeleitet. Einen Anhaltspunkt dafür hat der Prozess nicht erbracht.

Aber am 54. Prozesstag - inzwischen wurde seit 18 Monaten verhandelt - erschien ein Polizeibeamter als Zeuge, der aussagte, er wisse von einem Kollegen, dass der Angeklagte Hans-Ulrich M., nachdem er mitgeholfen hatte, Jalloh in die Zelle zu bugsieren, sein Feuerzeug vermisst habe. M. habe das Feuerzeug üblicherweise zusammen mit seinen Zigaretten in der Brusttasche des Uniformhemdes verwahrt. M. gab auf eindringliche Nachfragen zu, so sei es in der Tat gewesen. Warum er das bisher nie erzählt hatte, versteht niemand. Es ist nicht strafbar, im Handgemenge mit einem renitenten Festgenommenen ein Feuerzeug zu verlieren.

Aber wie soll ein an Händen und Füßen angeketteter Mann mit einem Feuerzeug eine Matratze anzünden, die in einem schwer entflammbaren Kunststoffbezug steckt? Es stellte sich heraus: Das ist kein Problem. "Schwer entflammbar" heißt nicht, dass etwas nicht brennt, wenn man nur lange genug eine Flamme darunter hält. Zumindest ein Loch ist schnell geschmolzen, und die darunterliegende Schaumstofffüllung brennt sogar sehr gut.

Das Gericht ließ probeweise einen Polizeibeamten von Jallohs Statur genau so anketten wie diesen. Es zeigte sich: Er konnte problemlos ein Feuerzeug aus jeder beliebigen Hosentasche oder auch aus der Unterhose ziehen und die Matratze damit ansengen.

Hätte Oury Jalloh gerettet werden können?

Der Angeklagte Hans-Ulrich M. ist also aus dem Schneider; aber wie steht es mit Andreas S., dem Dienstgruppenleiter? Hätte er Jalloh retten können, wenn er nur ein bisschen schneller reagiert und sich auf dem Weg in den Keller mehr beeilt hätte? Man hat die Zeit gestoppt, die einer braucht, um von der Einsatzzentrale im ersten Stock zu den Gewahrsamszellen im Keller zu kommen: 80 Sekunden bei normalem Gehtempo, 53 Sekunden im flotten Schritt, 36 Sekunden im Laufschritt, ohne anzuhalten. Ob man Andreas S. verurteilen kann, hängt davon ab, wie lange es nach Ausbruch des Feuers eine realistische Rettungschance für Oury Jalloh gegeben hat.

Manfred Kleiber, Direktor des Instituts für Gerichtsmedizin in Halle, hat die Leiche Jallohs obduziert. Überraschenderweise, sagt er, fand sich im Blut kein Kohlenmonoxid. Bei 80 Prozent aller Brandopfer ist dieses giftige Gas die Todesursache. Fehle es, sagt Kleiber, dann werte man dies in der Regel als Hinweis darauf, dass der Mensch schon tot war, als das Feuer ausbrach.

Aber bei Jalloh fand der Mediziner auf der Kehlkopfschleimhaut, in den Bronchien und in der Lunge typische Hinweise auf Hitzeeinwirkung. Das, erläutert er, bedeute, Jalloh müsse mehrere Atemzüge lang sehr heiße Luft eingeatmet haben. Das bewirke einen "inhalativen Hitzeschock", einen reflexartigen Tod binnen weniger Sekunden. Dass im Blut kein Kohlenmonoxid und in der Speise- und Luftröhre nur wenige Rußpartikel zu finden waren, lasse die Folgerung zu, dass Jalloh innerhalb einer Minute nach Entstehen des Brandes gestorben sein müsse.

Die Nebenklageanwälte wissen, was das bedeutet: Es bedeutet Freispruch. Sie beantragen die Anhörung eines zweiten Sachverständigen. Kleiber ist ein älterer Herr, vielleicht ist er nicht auf dem neuesten Stand der Wissenschaft? Man beauftragt den Freiburger Gerichtsmediziner Michael Bohnert, einen Spezialisten für Todesfälle durch Brandeinwirkung.

Aber auch er sagt: Jalloh muss sehr schnell gestorben sein, wahrscheinlich binnen zwei Minuten nach Ausbruch des Feuers. 90 Sekunden hat es aber schon gedauert, bis der Rauchmelder Alarm auslöste. Das heißt: Der Angeklagte Andreas S. hätte so schnell laufen können, wie er wollte - er wäre immer zu spät gekommen.

Das ist der Stand der Dinge am letzten Dienstag, als das Gericht den für das Plädoyer des Staatsanwalts vorgesehenen Termin platzen lässt. Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, um was es in dem so kurzfristig anberaumten "Rechtsgespräch" ging: Der Vorsitzende Richter hat angeregt, das Verfahren durch eine Einstellung wegen geringer Schuld ohne Urteil zu erledigen.

Das hätte, aus Sicht des Gerichts, einige Vorteile: Man könnte einen Freispruch vermeiden, der in der Öffentlichkeit vielleicht auf Proteste stoßen würde. Man müsste auch keine Revision und damit eine mühselige Neuauflage des Verfahrens riskieren. Und man könnte durch eine mit der Einstellung verknüpfte Geldauflage auch die Angehörigen des Toten ruhigstellen und so zumindest vordergründig für eine Art Rechtsfrieden sorgen. Aber daraus wird nichts. Die Angehörigen von Oury Jalloh sind mit dieser Verfahrensweise nicht einverstanden.

An diesem Montag soll der Prozess nun endlich zu Ende gehen. Es ist kaum vorstellbar, dass das Urteil anders als Freispruch lautet. Draußen vor dem Gerichtsgebäude werden ziemlich viele Demonstranten stehen und rufen: "Oury Jalloh - das war Mord."