Prozess um brutalen Mord von Perugia Abgründe einer Idylle
Anzeige
Die Schöne oder das Biest? Amanda Knox muss sich gemeinsam mit einer anderen Studentin in Perugia vor Gericht verantworten. Sie sollen ihre britische Kommilitonin grausam ermordet haben.
Wer Amanda Knox warten sieht auf der Anklagebank, im Ringelpulli, mit ihrem blassen, ebenmäßigen Gesicht, den glattgekämmten langen Haaren und dem zaghaften Lächeln, der fragt sich, wie die hübsche Amerikanerin, die fast noch wie eine Schülerin aussieht, in all das hineingeraten konnte. Warum sie am Freitag im Schwurgerichtssaal des Justizpalastes von Perugia sitzt und nicht, ein paar Schritte weiter, in einer Aula der Fremden-Universität. Warum sie am Ende dieses ersten Verhandlungstages wieder abgeführt und in eine Zelle gesperrt wird, anstatt mit ihren Kommilitonen um den Brunnen der Piazza IV Novembre zu bummeln oder in einer Bar auf dem Corso Vannucci einen Cappuccino zu trinken.
Blasses, ebenmäßiges Gesicht und Ringelpulli: Amanda Knox vor Gericht in Perugia. Der Fall erregt in Italien, Großbritannien und in den USA ungeheueres Aufsehen.
(Foto: Foto: Reuters)Auch die 21 Jahre alte Amanda scheint sich das zu fragen, den Eindruck macht sie jedenfalls. Vor Prozessbeginn sagte sie: "Ich bin unschuldig und werde das beweisen. Ich war die Freundin von Meredith und habe sie nicht getötet."
Meredith Kercher, das ist die andere junge Frau in dieser Studentengeschichte. Polizisten fanden die Britin am 2. November 2007 halbnackt und mit durchgeschnittener Kehle auf dem Bett ihres Zimmers in einem Häuschen nahe der Uni von Perugia liegen. 22 Jahre war Mez, wie sie genannt wurde, damals alt.
Amanda Knox, die sich gern Foxy Knoxy rufen lässt, soll sie ermordet haben, gemeinsam mit zwei jungen Burschen. Einer von ihnen, der Italiener Raffaele Sollecito, sitzt nun mit ihr in dem freskengeschmückten Gerichtssaal. Der zweite, der aus Afrika stammende Rudy Guede, wurde im Oktober in einem abgekürzten Verfahren zu 30 Jahren Haft verurteilt.
Anzeige
Die Schöne oder eher das Biest?
Der Mordfall erregt in Italien, Großbritannien und in den USA ungeheueres Aufsehen. Schließlich gilt das pittoresk auf einem Hügelrücken gelegene Perugia als Ort, an dem junge Leute aus aller Welt fern von Eltern und sonstigen Zwängen Italien und das Studentenleben erkunden können.
Lachen, Liebe und lange Nächte, das scheint zu Perugia zu passen, aber doch nicht gewalttätiger Gruppensex, Drogenrausch und Mord. Und dann ist da noch diese Angeklagte, die all die Widersprüche in sich zu vereinen scheint: die blauäugige Amanda Knox, "das Engelsgesicht", wie die italienischen Zeitungen schreiben, die unschuldige Schöne - oder doch das Biest?
Die Angeklagte hat sich seit ihrer Festnahme zu einer Art Pop-Phänomen entwickelt, als sei sie die Heldin einer Fernsehserie. In Amerika werden T-Shirts und Teddys mit dem Aufdruck "Free Amanda" angeboten. Im Internet fällen zahlreiche Blogger ihre Urteile - schuldig oder unschuldig.
Weibliche TV-Persönlichkeit des Jahres
Amanda Knox selbst bekommt Unmengen Fanbriefe und Heiratsanträge ins Gefängnis geschickt. Die Zuschauer eines italienischen Privatsenders wählten sie zur weiblichen TV-Persönlichkeit des Jahres 2008. Erste Bücher über ihren Fall kommen auf den Markt. Außerdem durfte Amanda Knox in der Haft als Schauspielerin an einem Film mitwirken.
Auf Seite 2: Wie Amanda die Amanda-Manie verkraftet