Prozess in Osnabrück Angeklagte schweigen zu "Ehrenmord"-Vorwurf

Eine junge Kurdin wendet sich von ihrer streng religiösen Familie ab, geht eine Beziehung mit einem verheirateten Mann ein. Wenig später wird sie ermordet. Musste die 22-Jährige sterben, weil die Familie ihre Ehre befleckt sah?

Am 16. Mai 2012 wird eine junge Frau in der Wohnung ihres Bruders getötet - erwürgt. Die Kurdin türkischer Nationalität hatte sich zuvor von ihrer streng religiös-konservativen Familie abgewandt und war eine Beziehung zu einem anderen Mann eingegangen. Kurz nach der Tat im emsländischen Dörpen wird der Ehemann der Ermordeten von der Polizei gefasst. Der 29-Jährige spricht kein Deutsch, war erst wenige Monate vor der Tat nach Deutschland eingereist. Hat er seine Frau und Mutter eines dreijährigen Sohnes umgebracht, weil er die Ehre seiner Familie befleckt sah?

So sieht es zumindest die Staatsanwaltschaft. Der 29-Jährige, ein junger, dunkelgelockter Mann, schweigt zum Prozessauftakt. Angaben zur Sache will er nicht machen. Wenige Meter neben ihm sitzt sein Schwiegervater. Der 70-Jährige ist nicht nur der Vater seiner ermordeten Ehefrau, sondern auch sein Onkel. Auch er muss sich vor dem Osnabrücker Landgericht wegen des Mordes verantworten. Er habe überwacht, dass sein Schwiegersohn die Tat auch begehe, wirft ihm die Staatsanwältin vor. Aber auch der 70-Jährige, ein grauhaariger Herr, will sich nicht zu den Tatvorwürfen äußern. Er wirkt in sich gekehrt, als er den Übersetzungen seines Dolmetschers zuhört.

Die junge Frau stammte aus einer sehr konservativ eingestellten, streng gläubigen Familie, führe die Staatsanwältin aus. Sie habe aus diesen Verhältnissen ausbrechen wollen, was wiederum ihre Familie nicht habe akzeptieren wollen. "Die Frau hat sich wiederholt widersetzt, sich wieder in die Familie einzugliedern", sagte die Staatsanwältin.

Tragödie in einer Großfamilie

Die 22-Jährige ging zudem eine Beziehung zu einem verheirateten Mann ein. Der war auch Muslim, gehörte aber der weitaus liberaler eingestellten alevitischen Glaubensrichtung an. Die Familie der Frau habe ihre Ehre befleckt gesehen.

Dass es eine Tragödie ist, die eine ganze Großfamilie betrifft, wird an vielen Details deutlich, auch wenn die Angeklagten zu den Vorwürfen schweigen. Die junge Frau war bei ihren Eltern ausgezogen und im Haus ihres Bruders und ihrer Schwägerin untergekommen. Dieser Schwager ist zugleich der Cousin des 29-Jährigen Angeklagten.

Am nächsten Verhandlungstag in der kommenden Woche sind 16 Zeugen geladen - 14 davon sind Familienangehörige, sagt ein Gerichtssprecher. Vielleicht berichten sie etwas aus dem Familienkreis. Sie hätten aber auch das Recht, die Aussage zu verweigern.