Prozess HIV-infizierter Musiker soll Kinder missbraucht haben

Vor ein paar Jahren spielte er Akkordeon in einer Stimmungs-Band, jetzt steht er vor Gericht: Carsten B. soll in Thailand 403 Mal ungeschützen Sex mit Kindern gehabt haben - obwohl er von seiner HIV-Infektion wusste.

Weil er in Thailand Kinder und Jugendliche missbraucht haben soll, muss sich ein 65-Jähriger seit Montag vor dem Landgericht Lüneburg verantworten. Dem früheren Mitglied der volkstümlichen Musikgruppe Godewind wird vorgeworfen, in 403 Fällen ungeschützten Sex mit Kinderprostituierten gehabt zu haben, obwohl er HIV-infiziert ist.

Die ehemaligen Bandkollegen von Carsten B. reagierten geschockt auf die Vorwürfe gegen ihren Akkordeonisten. "Liebe Freunde", schreiben sie am Dienstag auf ihrer Homepage, "mit großem Entsetzen haben wir heute aus den Nachrichten von den ungeheuerlichen Taten unseres ehemaligen Bandmitglieds erfahren." Anzeichen dieser "krankhaften Neigung" hätten sie nicht entdecken können. Vielmehr sei "der Grund, der 2003 zu der Trennung führte", das Alkoholproblem von Carsten B. gewesen, "das nicht länger zu tolerieren war".

Der aus Celle stammende Carsten B. soll die Mädchen nicht über seine Infektion aufgeklärt haben. Betroffen sind laut Anklage insgesamt sieben Kinder und 23 Jugendliche. Wegen seiner Erkrankung wird dem Mann außer schwerem Missbrauch auch versuchte gefährliche Körperverletzung zur Last gelegt. "Das Interesse der Öffentlichkeit wiegt schwerer" wies der Vorsitzende Richter Axel Knaack einen Antrag der Verteidigung auf Ausschluss der Öffentlichkeit während der Anklageverlesung zurück.

Die Taten sollen sich zwischen Mai 2005 und November 2009 in Pattaya ereignet haben, das als ein Ziel von Sextouristen gilt. Carsten B. wurde nach der Landung in Deutschland festgenommen und sitzt seit Dezember 2009 in Untersuchungshaft. Die thailändische Polizei hatte zuvor kinderpornographisches Material in der Unterkunft des Mannes in Pattaya gefunden. Die Durchsuchung seiner Wohnung in Celle erbrachte nach Angaben des aussagenden Kriminalbeamten eine Fülle weiterer Beweise, darunter allein mehr als 140 Videokassetten, auf denen Carsten B. seine Taten filmte.

Bereits auf ersten Filmsequenzen aus Thailand, die von der Polizei sichergestellt wurden, sei ein Mädchen mit dem mutmaßlichen Täter zu erkennen gewesen, berichtete der leitende Ermittler in der Hauptverhandlung. Aus dabei gefundenen Namenslisten der Opfer mit Alters- und Ortsangaben, Aussagen in Thailand sowie der Beschriftung von Kassetten und DVDs haben die Ermittler umfassendes Belastungsmaterial zusammengetragen. Wegen der aufwendigen Ladung der thailändischen Zeuginnen und des vielen Bildmaterials, das das Gericht bewerten muss, ist das Verfahren zunächst auf zwei Jahre angesetzt.