Von Gerd Kröncke

Michel Fourniret tötet mit Hilfe seiner Frau mindestens sieben Mädchen. Vor Prozessbeginn zeigt der selbsternannte "Jungfrauenjäger" keine Reue. Und bleibt vielleicht sogar in seiner Zelle.

Vielleicht wird man nach diesem Prozess eine vage Ahnung davon haben, woher das Böse kommt. An diesem Donnerstag beginnt in der kleinen Stadt Charlesvilles-Mézières in den Ardennen das Verfahren gegen den mutmaßlichen Serienmörder Michel Fourniret und seine Frau Monique. Gewiss, es gilt die Unschuldsvermutung, so lange einer nicht rechtskräftig verurteilt ist.

Michel Fourniret; AFP

"Ein schönes, kleines Subjekt": So nannte der Serientäter Michel Fourniret eines seiner Opfer - hier nach seiner Festnahme in Belgien 2003. (© Foto: AFP)

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Sieben junge Mädchen, manche noch Kinder, soll dieser Mann vergewaltigt und umgebracht haben. Ihr Sterben und Leiden wird in den kommenden acht Wochen zur Sprache kommen, aber das letzte Wort wird noch lange nicht gesprochen, es könnten noch viel mehr Fälle sein. Madame Fourniret hat, so die Anklage, alles gewusst, gebilligt und mitgetan. Die beiden hatten einen Pakt geschlossen, sich gemeinsam dem Bösen verschrieben.

Zu so einem Prozess wünschte man sich einen Erklärer wie den alten Gerhard Mauz, den großen Spiegel -Gerichtsreporter aus dem vorigen Jahrhundert, der uns auch bei den schrecklichsten Taten klar machte, dass Täter Menschen sind. Mit wenigen Worten hätte er Bezeichnungen wie "Monster" und "Ungeheuer", wie sie Journalisten so griffig in die Tasten kommen, wegargumentiert. Auch das Böse, hätte er uns bedeutet, macht aus einem Menschen kein Monster.

Der Mann Michel Fourniret ist uns auf eine seltsame Weise vertraut. Man hat ihn, zumindest in Frankreich, so oft auf dem Bildschirm gesehen, dass man ihn auf der Straße wiedererkennen würde - aber man wird ihm nach menschlichem Ermessen auf keiner Straße mehr begegnen. Mit seinen 65 Jahren, dem grauen Bart und kurzen grauen Haaren wirkt er wie ein pensionierter Lehrer. Beim Lokaltermin, als er die Ermittler an einen Tatort führte, spielt er wie im Film. In diesem Film, den er zu genießen scheint, geht er aufrecht und demonstriert Selbstsicherheit in seiner gepanzerten Weste. Michel Fourniret verweigert sich jeder Scham.

Morde mit Muster

Monique Olivier hatte ihren späteren Mann vor mehr als zwei Jahrzehnten über eine Kontaktanzeige im katholischen Pilger kennen gelernt: "Häftling möchte mit einer Frau korrespondieren, um die Einsamkeit zu vergessen." Manche Mörder suchen auf diesem Wege ihre Opfer, Fourniret fand eine Komplizin. Daraus wurde wohl Liebe und eine kaum nachvollziehbare Hörigkeit. Fourniret, zweifach geschieden und Vater von vier Kindern, verbüßte eine fünfjährige Gefängnisstrafe wegen Vergewaltigung. Schon bei seiner Entlassung 1987 hatten die Psychologen negative Prognosen gestellt.

Die beiden haben geheiratet und schlossen ihren Pakt des Bösen, ein Stoff für einen Krimi aus der Sicht der Täter: In der Untersuchungshaft hatte Fourniret einen Drogengangster getroffen, der ihm ein Geldversteck offenbarte, einige Millionen Francs. Doch statt das Geld weiterzugeben, bringt er die Braut seines Zellengenossen um. Und kauft sich und seiner Frau ein Schloss in den Hügeln nahe der französisch-belgischen Grenze. Weil er zupacken kann, renoviert er das Anwesen, kultiviert das Land drumherum, hebt Gräben aus, was unverdächtig bleibt - später hat er zugegeben, dort zwei seiner Opfer verscharrt zu haben.

Monique, seine Frau, scheint mitgenommen zu sein von der Haft und entspricht eher dem Bild, das man sich von einer Schuldigen macht. Auf den TV-Filmen nach ihrer Festnahme ist ihr Haar grau unter dem schwarzgefärbten. Die Frau hat ihrem Mann die Opfer zugeführt, und es lief meist nach dem Schema des ersten Mordes: In der Nähe von Auxerre stieg die 17-jährige Isabelle Lavine ins Auto von Monique Fourniret, die sie nach dem Weg gefragt hatte. Minuten später hält das Auto, um Fourniret aufzunehmen, der am Straßenrand winkt, einen Benzinkanister in der Hand. Er hat das junge Mädchen betäubt, vergewaltigt und dann umgebracht. Er hatte es immer auf Jungfrauen abgesehen, und seine Frau half ihm. "Ich hatte Angst", sagt sie, "er würde dasselbe mit mir machen."

Das jüngste Opfer war zwölf, das älteste 21 Jahre alt. Anders als die meisten Mörder, die sich ins Schweigen flüchten oder ins Leugnen, dürfte die Aufgabe der Verteidigung im Fall Fourniret besonders kompliziert sein. Der Mann ist versessen auf die Taten, auf eine perverse Art stolz. Wie ein Mann, der sich im Mittelpunkt eines Universums sieht, eines Systems, in dem sich für seine Lust stets "ein schönes, kleines Subjekt" findet, wie er die unglückliche Isabelle genannt hat. Er sieht sich wie eine Figur des Dichters Dostojewski, erscheint fasziniert von einer Schuld, für die es keine Sühne gibt. Dass er seine spätere Frau in den Briefen aus dem Gefängnis "Natouchka" nannte, verweist auf seine Vorliebe für den russischen Dichter. Unterzeichnet hat er sie mit Sher Khan, dem bösen Tiger aus Kiplings Dschungelbuch.

Wahrscheinlich ist die Liste unvollständig. Außer dem Mord an Isabelle Laville hat Fourniret sechs weitere zugegeben, die in Charlesville-Mézières verhandelt werden. Seine Opfer, beginnend im August 1988, Fabienne Leroy, 20 Jahre alt; Jeanne-Marie Desramault, 21; Élisabeth Brichet, 12; Natacha Danais, 13; Céline Saison, 18, und endend schließlich im Mai 2001, Mananya Thumpong, 13.

Monique Fourniret ist 59 Jahre alt, und sie wird kämpfen. Sie wird aussagen und ihren Mann belasten, in der Hoffnung, nicht bis ans Lebensende büßen zu müssen.

Sie wird von den Psychologen als überdurchschnittlich intelligent bezeichnet, intellektuell ist sie ihrem Mann weit überlegen. In dem nüchternen Schwurgerichtssaal mit schlichtem Holzgestühl und harten Zuschauerbänken werden die beiden Angeklagten hinter Panzerglas Platz nehmen. Und im Saal werden auch die Angehörigen der Opfer sitzen. Manche werden den Angeklagten in die Augen schauen können, von ihren Plätzen direkt gegenüber, wo die Nebenkläger sitzen. Sie werden warten auf die Antwort, warum der Mörder ihrer Töchter so lange in Freiheit bleiben konnte. Nur durch das Glück und den Mut seines letzten Opfers, das schon eingesperrt im Kofferraum, sich befreien und Hilfe rufen konnte, wurde die Serie schließlich unterbrochen.

Ihre größte Sorge wird sein, dass der Mann, der so ohne jede Reue zu sein scheint, sie noch um die Genugtuung bringt, das Unerklärbare aus seinem Munde zu hören. Michel Fourniret deutet an, dass er sich vorbehält, in seiner Zelle zu bleiben statt sich in den Prozesssaal führen zu lassen. Er wird sich ganz von seiner Eitelkeit leiten lassen.

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(SZ vom 27.03.2008/cag)