Prozess in Dessau Familienabgründe

Gedenkfeier für die ermordete Studentin Yangjie Li in Dessau

(Foto: dpa)

In Dessau wird die 25-jährige Yangjie Li grausam vergewaltigt und ermordet. Unter Verdacht: Sebastian F. Seine Mutter: eine Polizistin. Sein Stiefvater: der damalige Polizeichef der Stadt. Der Prozess offenbart verstörende Einblicke.

Von Annette Ramelsberger

Sie war 19, als sie ihren einzigen Sohn Sebastian bekam. Mutter und Sohn wurden eine verschworene Gemeinschaft. Sie nahm ihn in Schutz: als er immer schwieriger wurde, als er eine Lehrerin angriff, als gegen ihn wegen Brandstiftung ermittelt wurde. Immer hatte die Mutter Entschuldigungen parat, gegen die ermittelnde Polizei stellte sie sogar Strafanzeige.

Jetzt steht ihr Sohn Sebastian vor dem Landgericht Dessau, angeklagt des Mordes und der Vergewaltigung einer chinesischen Architekturstudentin. Seine Freundin hat das Mädchen ins Haus gelockt, er fiel über sie her und vergewaltigte sie - laut Anklage - zu Tode. Und die Mutter wehrt Fragen auf Facebook mit dem lockeren Spruch ab, sie wolle nicht mit Idioten reden.

Eine fröhliche Feier im Gartenlokal

Das Problem dabei: die Mutter ist Polizistin. Und der Stiefvater des Angeklagten war zum Tatzeitpunkt am 11. Mai 2016 der Polizeichef von Dessau. Er half dem Stiefsohn ein paar Tage nach der Tat sogar, aus seiner Wohnung in unmittelbarer Nähe des Tatorts auszuziehen. Sie telefonierte vierzigmal zwischen Tat und Festnahme mit dem Sohn. Und einen Tag nach der Trauerfeier für die ermordete Studentin feierten die beiden Polizisten dann ein fröhliches Fest: Sie eröffneten ein Gartenlokal, mit großer Fröhlichkeit, wie es hieß. Ärger gab es vor allem deswegen, weil der Polizeichef und seine Frau zu dem Zeitpunkt krankgeschrieben waren.

Als der Mordverdacht auf Sebastian F. fiel, wurden die beiden vorläufig vom Dienst suspendiert. Der Innenminister von Sachsen-Anhalt sprach dem Polizeichef die moralische Eignung als Führungskraft ab und versetzte ihn an die Polizeischule Aschersleben. Der Mann klagte sich zurück, er ist nun wieder Führungskraft. Und die Mutter Ramona S. ist seither krankgeschrieben. Angeblich leidet sie unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Doch das glaubt der Anwalt der chinesischen Eltern nicht, die ihre Tochter verloren haben. Sie wollen die Krankenunterlagen sehen - und die Staatsanwaltschaft hat sich angeschlossen.

Im Gefängnis beschwert sich Sebastian F. ständig

Die Mutter schrieb an die Richterin, sie könne nicht vor Gericht erscheinen, weil der Anblick ihres Sohnes auf der Anklagebank sie nicht mehr klar denken und aussagen lasse. Ramona S. und ihr Mann sehen sich in "Sippenhaft", gegen sie werde eine "Hexenjagd" betrieben, schreibt Ramona S. Dabei lässt das Land Sachsen-Anhalt die Frau seit einem Jahr privatisieren.

Ihr Sohn sitzt seit November auf der Anklagebank: groß, muskulös, ungerührt. Die Justizbeamten aus der JVA berichten, er beschwere sich ständig: über die Anstaltsärztin, über zu wenig Sportangebote, darüber, dass es in der Zelle zieht. Über die getötete Studentin sagt er kein Wort. Nur das: Er sei es nicht gewesen. Das seien alles Märchen.

Vor Gericht wird gerade das Gegenteil bewiesen.

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