Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Mit der plötzlichen Freilassung des Uelzener Schülers Marco setzt die Justiz ein widersprüchliches Signal. Denn bei dem Prozess geht es längst um viel mehr als um Schuld oder Unschuld eines deutschen Schülers.

Die Entlassung des Uelzener Schülers Marco aus der Untersuchungshaft ist als Signal der türkischen Justiz zu verstehen, dass sie die Bedeutung des Falles endlich erkannt hat. Eine Woche vor Weihnachten setzt sie ein Zeichen, das in dieser Eindeutigkeit nicht zu erwarten war und das in seiner plötzlichen Großzügigkeit auch widersprüchlich ist.

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Autokorso in Uelzen: In Deutschland freuen sich viele Menschen über die Freilassung von Marco W. (© Foto: ddp)

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Warum kann der Junge jetzt auf einmal aus der Untersuchungshaft freikommen und nach Deutschland zurückkehren, ohne Auflagen und Einschränkungen - und warum ist diese Entscheidung nicht schon vorher möglich gewesen?

Marco wird auf lange Zeit ein Gefangener seines Falles bleiben. Selbst wenn er nun nach Deutschland zurückkehrt - vor einem Prozess wird er sich nicht drücken können. Hinter der Rückkehrerlaubnis nach Deutschland steckt weit mehr als eine Freigangsbewilligung über die christlichen Feiertage hinweg. Das türkische Gericht eröffnet jetzt die Möglichkeit, dass das Verfahren vor deutschen Richtern zu Ende gebracht wird.

Was das Gericht zu diesem Schwenk veranlasst hat, ist schwer zu deuten. Der politische Druck wuchs stetig, die Beweislage verbesserte sich nicht gerade, die Nebenklägerin kooperierte offenbar nur unzureichend, und die bürokratischen Hürden standen einem schnellen Urteil nach wie vor im Weg. All dies lässt den Eindruck zu, dass das Gericht den Fall jetzt einfach nur loswerden wollte.

So einfach aber wird es nicht gehen. Marco saß auch auf der Anklagebank in einer Art Musterprozess, bei dem ein Urteil über das Justizsystem eines EU-Beitrittsaspiranten gesprochen wurde. Für den eigentlichen Fall Marco wie für seine politische Dimension bleibt deshalb die Forderung: mehr Transparenz, bitte.

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(SZ vom 15.12.2007)