Der Prozess gegen Marco Weiss in der Türkei zieht sich weiter hin - fast auf den Tag genau zwei Jahre nach dem verhängnisvollen Osterurlaub.

Fast auf den Tag genau zwei Jahre ist er nun her, der Osterurlaub, in dem der damals 17-jährige Marco Weiss eine 13-jährige Britin in deren Hotelzimmer sexuell missbraucht haben soll. Eigentlich war für dieses Wochenende ein Urteil erwartet worden - doch das Verfahren ist erneut vertagt worden.

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Marco Weiss (Archivbild vom November 2008): Der Prozess in der Türkei wird wohl ohne den inzwischen 19-Jährigen zu Ende gehen. (© Foto: Sascha Weiss/ddp)

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Der Prozess wird am 5. Juni mit dem Schlussplädoyer der Staatsanwaltschaft fortgesetzt, wie Nebenklage-Anwalt Ömer Aycan nach der Verhandlung vor dem Schwurgericht von Antalya mitteilte. Möglicherweise wird dann auch das Urteil fallen.

In der Verhandlung vom Freitag bat die Staatsanwaltschaft das Gericht um zusätzliche Zeit zur Vorbereitung des Plädoyers. Das Gericht entsprach der Bitte und vertagte den Prozess. Je nachdem, wie im Juni das Plädoyer der Anklage ausfalle, könne die Verteidigung ebenfalls zusätzliche Zeit für ein Schlusswort beantragen, sagte Aycan. Andernfalls könnte es ein Urteil geben.

Marco ist inzwischen 19 Jahre alt. Die Bilder zeigen einen jungen Mann mit Brille, der ernst in die Kamera blickt, die Haare mit Gel gestylt. Der Prozess, der nun fast zwei Jahre angedauert hat, wird nun ohne ihn zu Ende gehen. Marco wird nicht in die Türkei fliegen, teilt sein deutscher Anwalt, Jürgen Schmidt, in Uelzen mit.

In der Zwischenzeit drohte der Prozess zu einer Art Farce zu werden. Es ging um fehlende Gutachten, fehlende Aussagen des Mädchens, immer wieder wurde deshalb das Verfahren verschoben - und Marco saß währenddessen in Untersuchungshaft. Insgesamt 247 Tage verbrachte er in der Türkei im Gefängnis. In Deutschland gab es heftige Proteste gegen die angeblich unrechtmäßige Behandlung des Jugendlichen.

Der Fall hat politische Wellen geschlagen und mehrfach für Irritationen im deutsch-türkischen Verhältnis gesorgt: Kanzlerin Angela Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier forderten eine Freilassung, die Türkei empfand das als Einmischung in die Unabhängigkeit der Justiz. Inzwischen ist es ruhig geworden um den Fall Marco Weiss.

Nur, als er ein Buch über die "247 Tage im türkischen Knast" geschrieben hat, da ist die Debatte noch einmal aufgeflammt. Und die Stimmung drohte zu kippen: Beide deutsche Anwälte, die über das Projekt nicht informiert waren, legten ihr Mandat nieder.

Das Urteil und seine Auswirkungen

Marco selbst will einen Freispruch, der Anwalt der jungen Britin dagegen sagt, es werde "auf jeden Fall eine Strafe geben". Sollte das Gericht den Angeklagten schuldig sprechen, wäre eine mehrjährige Haftstrafe wegen Kindesmissbrauchs denkbar. Konkrete Auswirkungen aber hätte eine solche Strafe nicht, wenn Marco Weiss in Deutschland bleibt. Als deutscher Staatsbürger könne er nicht an die Türkei ausgeliefert werden. Er kann aber in seiner Abwesenheit verurteilt werden.

Noch immer geht es vor Gericht um die Frage, was genau passiert ist in der Nacht zum 12. April 2007. Der Vorwurf lautet, dass Marco die damals 13-jährige Britin Charlotte M. sexuell missbraucht haben soll. Fest steht: Marco und die Britin lernten sich in einer Disco im türkischen Badeort Side kennen. Und auch da decken sich die Aussagen der beiden: Irgendwann sind sie im Hotelzimmer der Britin gelandet.

Dann gehen die Darstellungen auseinander. Weiss spricht von Zärtlichkeiten, die von beiden Seiten gewollt waren. Zudem habe sich Charlotte als 15-Jährige ausgegeben. Die Britin gibt an, Marco habe sich gegen ihren Willen auf sie gelegt und sexuell missbraucht. Die Anzeige gegen Marco bei der türkischen Polizei stellte am Morgen danach Charlottes Mutter. Zu dem Prozess erschienen aber sind das Mädchen und die Familie in den zwei Jahren nicht.

Vor Gericht hat sich in den zwei Jahren wenig getan, nach wie vor ist Marcos Schuld nicht bewiesen. Weiss' türkischer Anwalt vertritt denn auch die Ansicht, das der Fall juristisch nicht geklärt ist. "Ich erwarte keine Entscheidung am Freitag", sagte Ahmet Ersoy zu stern.de. "Das Gericht wird am Freitag nur entscheiden, ob es eine weitere Beweisaufnahme für nötig erachtet."

Anders sieht das der türkische Anwalt von Charlotte. Er wäre nicht überrascht, wenn es an diesem Freitag ein Urteil des Schwurgerichts in Antalya geben sollte. Marcos deutscher Anwalt Jürgen Schmidt lehnte gegenüber sueddeutsche.de eine Stellungnahme zu dem möglichen Ausgang ab.

Das Gericht selbst hat im Oktober des vergangenen Jahres die Beweisaufnahme für abgeschlossen erklärt. Damals hieß es, ein Freispruch Marcos sei in greifbare Nähe gerückt, da die Anklage es nicht vermocht hat, eindeutige Beweise für Marcos Schuld festzulegen.

Denn: Nach wie vor fehlt ein rechtsmedizinisches Gutachten, das zu einer möglichen Vergewaltigung von Charlotte und den psychischen Langzeitfolgen des Mädchens Stellung nimmt.

Charlotte selbst wurde Anfang Oktober 2007 von der britischen Polizei vor Videokameras befragt. Marcos Anwälte haben mehrmals erklärt, eine solche Videoaussage habe keinen juristischen Wert.

In seinem Buch schreibt Marco über das Gericht in Antalya: "Hier wird nicht mehr prozessiert. Hier versuchen Richter nur noch, von ihren eigenen Fehlern abzulenken."

Es ist nun an diesen Richtern, über Marcos Schuld zu entscheiden.

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(sueddeutsche.de/dpa/AFP/hai/gba)