Vierfachmord in der Schweiz "Ein normaler Mensch macht das nicht"

Seine Antworten kommen stockend, aber klar und deutlich: Thomas N. am Dienstag auf der Anklagebank - aus Sicht des Gerichtszeichners.

(Foto: Walter Bieri/dpa)
  • Am 21. Dezember 2015 soll der 32-jährige Thomas N. eine Familie in ihrem Haus überfallen und getötet haben.
  • Dabei soll der Mann den 13-jährigen Jungen der Familie missbraucht und die Tat gefilmt und fotografiert haben.
  • Zwei psychiatrische Gutachten beschreiben den Angeklagten als narzisstisch und pädophil; halten ihn aber für therapierbar.
Von Thomas Hasler, Stefan Hohler und Simone Rau

Thomas N. ist ein Meister der Lügen. Kurz vor dem Vierfachmord von Rupperswil erstellt der damals 32-jährige Schweizer an seinem Laptop eine Visitenkarte. Sein gefälschter Name: Dr. Sebastian Meier. Sein gefälschter Beruf: Schulpsychologe. Ebenfalls setzt er ein fiktives Schreiben der Schule auf, die der 13-jährige Sohn der späteren Opferfamilie besucht. Im Brief steht, eine Schülerin habe aufgrund von Mobbing Suizid begangen. Am Mobbing sei der 13-Jährige beteiligt gewesen. Mit Brief und Visitenkarte in der Tasche klingelt Thomas N. am 21. Dezember 2015, einem Montag, zwischen 7.30 und 8 Uhr bei der Familie in Rupperswil, zwischen Basel und Zürich gelegen. Die 48-jährige Mutter öffnet die Tür.

So beginnt eines der größten Verbrechen der Schweizer Kriminalgeschichte, nachzulesen in der Anklageschrift, die das Bezirksgericht Lenzburg am Montag veröffentlicht hat. Am Dienstag hat der Prozess gegen den geständigen Täter begonnen. Er ist heute 34 Jahre alt und nicht vorbestraft. Das Urteil soll an diesem Freitag fallen. Der Prozess wurde wegen des großen öffentlichen Interesses nach Schafisheim verlegt, 65 Journalisten sind akkreditiert, viele Medien berichten live. Es ist ein Fall, der in seiner Grausamkeit bewegt.

Am 21. Dezember 2015 stellt Thomas N. sich der Mutter als Mitarbeiter des Schulpsychologischen Diensts vor. Die Frau ist laut Anklageschrift "fassungslos" - und bittet Thomas N. für einen Kaffee ins Haus. Zunächst führt er tatsächlich ein 20-minütiges Gespräch in seiner Rolle als Schulpsychologe - dann lässt er die Maske fallen.

Er lässt sich auch nicht beirren, als eine Nachbarin kommt

N. bedroht den Jungen mit dem Messer. Die Mutter zwingt er, den älteren Sohn und dessen Freundin, 19 und 21 Jahre alt, mit mitgebrachten Kabelbindern und Klebeband zu fesseln. Er lässt sich auch nicht beirren, als eine Nachbarin kommt und den Hund ausführen will. Er schickt die Mutter zur Tür, diese lässt sich aus Angst nichts anmerken. Dann muss sie auf N.s Geheiß zur Bank fahren, Geld holen. Alarm schlägt sie nicht, obwohl sie alleine fährt - weil N. ihr vorgelogen hat, ein Komplize habe ein Auge auf sie. Als sie nach einer knappen halben Stunde mit 1000 Euro und 10 000 Franken zurückkehrt, fesselt N. auch sie. Den jüngeren Sohn missbraucht er und fotografiert und filmt das mit dem Handy. Anschließend schneidet er allen vier Menschen im Haus die Kehle durch. Am Schluss legt er Feuer, um die Spuren zu verwischen. Gut drei Stunden später ruft ein Nachbar die Feuerwehr und die Polizei.

Nach der Tat, die in der 20-seitigen, verstörenden Anklageschrift detailliert beschrieben ist, geht N. heim und duscht. Das Geld, das er der Familie gestohlen haben soll, gibt er für Markenkleider aus, für Tierarztrechnungen und Futter für seine Hunde sowie für Krankenkassenprämien. Zudem leistet er sich einen Skiurlaub und schenkt seiner Mutter zum 60. Geburtstag eine Reise. Ihr hat er jahrelang mit Hilfe gefälschter Zeugnisse vorgemacht, dass er ein Studium abgeschlossen habe und nun promoviere. Seinen Lebensunterhalt zahlt die Mutter, doch als das Geld knapp wird, fasst er den Plan, auf andere Weise an Bares zu kommen. Auf den Sohn der Opferfamilie wird er rein zufällig aufmerksam, er wohnt nicht weit von ihnen entfernt.

Fünf Monate nach der Tat, am 12. Mai 2016, wird N. in einer Starbucks-Filiale in Aarau verhaftet. Noch am selben Tag legt er ein Geständnis ab. Auf seinem Laptop findet die Polizei die Aufnahmen der Tat sowie 1000 Videos und 10 000 kinderpornografische Fotos auf einer externen Festplatte.

"Für 11 000 Franken mussten vier Menschen sterben"

Vor Gericht blickt der Angeklagte ernst, hin und wieder stützt er den Kopf in die Hand. Als der Richter ihn nach seinen Motiven fragt, kommen seine Antworten stockend, aber klar und deutlich. Sein Hauptmotiv sei das Geld gewesen, die sexuelle Komponente zweitrangig. "Für 11 000 Franken mussten vier Menschen sterben. Gibt es da Worte dafür?", fragt der Richter. "Krank", sagt N. selbst. "Unmenschlich. Ein normaler Mensch macht das nicht."

Zuvor haben zwei Gutachter ausgesagt. Die Psychiater schätzen den Angeklagten als voll zurechnungsfähig ein, er habe stets die Fäden in der Hand gehabt. N. sei der typische Fall eines erfolglosen Narzissten und zudem pädophil, er sei nahezu süchtig nach Kinderpornografie. N. sagt, er habe morgens zuerst den Computer gestartet und pornografische Seiten "abgeklappert". Die Gutachter halten ihn für therapierbar, eine Behandlung werde mindestens zehn Jahre dauern. N. selbst wünscht eine Therapie: "Mein Ziel ist es, einmal aus dem Gefängnis zu kommen und resozialisiert zu sein." Derzeit gilt er als stark rückfallgefährdet.

Nach dem Vierfachmord plant N. weitere Taten. Er sucht im Internet nach Jungen, die dem jüngsten Opfer von Rupperswil ähnlich sehen. In einem Notizbuch legt er eine Liste von elf Buben an, mit Namen, Wohnort, Schule. Bei zwei dieser potenziellen Opfer ruft er an, schleicht um die Wohnungen und kundschaftet die Gewohnheiten der Familien aus. In seinem Notizbuch finden die Ermittler folgende Worte: "Di 7:40 alle zuhause, wach".

Er hat sogar schon den Rucksack mit Tatwerkzeug gepackt.

24 Stunden später wird er verhaftet.

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