Prozess Erste Urteile nach Silvester in Köln: Bloß keine Kuscheljustiz

Nach der Silvesternacht finden in Köln die ersten Prozesse statt.

(Foto: dpa)
  • In Köln finden die ersten Prozesse aus der Silvesternacht statt, drei junge Männer stehen vor Gericht.
  • Verhandelt werden Bagatellfälle, ein Sexualdelikt steht nicht zur Anklage.
  • Die Richter fällen ungewöhnlich harte Urteile.
Aus dem Gericht von Kristiana Ludwig, Köln

Eigentlich sind die Vergehen, die der Staatsanwalt an diesem Mittwochvormittag bewerten muss, recht übersichtlich. Ein Ladendiebstahl in Dortmund: ein T-Shirt, zwei Hosen. Ein bestohlener Bahnfahrer, dem der Angeklagte den Koffer wegnahm. Und dann die Fotokamera, entwendet in einer großen Menschenmenge, von mehreren Tätern. Nur: Letzteres geschah am Silvesterabend in Köln.

Also erhebt sich der Staatsanwalt zu einer Vorbemerkung: "In normalen Zeiten hätten wir hier in aller Kürze verhandelt", sagt er. "Es sind aber keine normalen Zeiten." Die Weltöffentlichkeit, so sagt es der Staatsanwalt, schaue auf Köln.

Ein Sexualdelikt steht nicht zur Anklage

Dort stehen am Mittwoch - in zwei getrennten Verhandlungen - erstmals drei junge Männer vor Gericht, die an Silvester im Umfeld des Kölner Hauptbahnhofs Feiernde bestohlen haben. Erstmals Täter also, wenn man so will, aus jener Nacht, in der auch zahlreiche Frauen von Gruppen mutmaßlich nordafrikanischer Männer sexuell bedrängt worden waren.

Sechs Kamerateams quetschen sich in den Saal des Amtsgerichts, dazu ein Pulk aus Fotografen und Journalisten. "Kuscheljustiz" hat der Staatsanwalt in den vergangenen Tagen in der Zeitung gelesen. "Falsch wäre, hier ein Exempel zu statuieren", sagt er deshalb, doch am Ende dieses Tages ist es auch Ansichtssache, ob der Justiz das tatsächlich gelungen ist.

In der ersten Verhandlung verurteilt der Amtsrichter Amand Scholl den 23 Jahre alten Marokkaner Younes A. zu einer Haftstrafe von sechs Monaten auf Bewährung und einer Geldauflage von 100 Euro. Eine harte Entscheidung für einen Ersttäter und für das Delikt, das ihm vorgeworfen wurde: Handydiebstahl. Als eine Touristin um 23.15 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz ihr Smartphone in die Luft streckte, um den Dom zu fotografieren, schnappte es A. und rannte davon. Sie folgte ihm zusammen mit einem Mann, bis jemand ihm ein Bein stellte. Als er auf dem Boden lag, holte er das Gerät aus seiner Hosentasche und gab es zurück. Auf der Wache fanden die Beamten ein Tütchen Amphetamine zwischen seinen Zehen.

"Auch unter Deutschen gelten bestimmte Formen sexueller Gewalt als Kavaliersdelikt"

Seit Köln haben viele Frauen Angst vor sexueller Gewalt. Die Ängste sind diffus, konkrete Erlebnisse gibt es selten, sagt Sozialpädagogin Kristina Gottlöber. Von Martina Scherf mehr ...

Younes A. sagt, er besitze keinen Ausweis, nur eine Bescheinigung über seinen Asylantrag. Ausgestellt am 18. Dezember 2015. Abgelaufen am 29. Dezember 2015. A. war zwei Tage vor Silvester beim Schwarzfahren erwischt worden, einen Tag später soll er in Bochum jemanden bestohlen haben, die Polizei ermittelt. Ob er auch den Po der Touristin begrapscht habe, will der Richter wissen. Das habe sie gar nicht gesagt, entgegnet die junge Frau. "Was hat das mit meinem Mandanten zu tun?", fragt der Verteidiger. Ein Sexualdelikt steht nicht zur Anklage.