Provisorische Städte in den USA Die Verlierer in den Zelten

Slums im reichsten Land der Welt: Es sind keine Campingplätze - am Rand von Amerikas Metropolen wachsen immer mehr Zeltstädte. Ihre Bewohner haben alles verloren.

Von Jörg Häntzschel

Nein, es ist kein Campingplatz. Und es ist auch kein neues Woodstock, auch wenn die fröhlich-bunten Zelte, die zwischen den Stadtautobahnen von Sacramento im Gras stehen, von weitem aussehen, als nächtigten darin die jugendlichen Besucher eines Open-Air-Festivals. Es ist ein Slum. Im reichsten Land der Welt. Und es ist nicht der einzige.

Überall in den USA sind in den vergangenen Monaten solche Zeltdörfer entstanden: In Fresno, Kalifornien, in St. Petersburg, Florida, in Seattle und Los Angeles. Unter Autobahnbrücken, in Vorstädten, auf Parkplätzen. Auch wenn bisher nach Schätzungen "nur" einige Tausend Menschen in diesen wilden Camps wohnen, fühlt sich Amerika auf fatale Weise an die Depressionszeit erinnert, als die "Hoovervilles" genannten Obdachlosenkolonien, benannt nach dem damaligen Präsident Herbert Hoover, zum Symbol des wirtschaftlichen Elends wurden.

Die meisten der sichtlich um ihre Würde ringenden Menschen haben wenig gemeinsam mit den oft alkohol- und drogenabhängigen, oft psychisch kranken Gestalten, die in allen Städten der Welt durch die Straßen ziehen. Noch nicht. Diese hier haben Job und Haus oft erst vor Wochen verloren und haben in der größten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit keine Chance, in das bürgerliche Leben zurückzufinden, das sie bisher für selbstverständlich hielten.

Jim Gibson, 50, ist einer von ihnen. Bis vor wenigen Monaten arbeitete der Mann als Handwerker auf dem Bau, hatte Auto und Wohnung. Heute lebt er in einer Zeltstadt in Sacramento, die vor einigen Monaten auf einer begrünten Müllhalde entstand. Oder das Ehepaar Garland, beide bis vor kurzem Fernfahrer. In der Hoffnung auf Arbeit zogen sie von Indiana an die Westküste. Nachdem sie keine fanden, blieb ihnen nichts übrig, als sich hier niederzulassen. Viele leben buchstäblich im Schlamm, andere schlafen in ihren Autos, manche haben sich kleine Hütten gezimmert wie Barbara Smith, die lachend sagt: "Dies ist ein Einzimmer-Haus. Es hat sogar ein Dach, und es ist dicht."

Weder Toiletten, noch Kochgelegenheiten

Der Galgenhumor täuscht aber nur knapp über die katastrophalen Zustände in den meisten Zeltstädten hinweg. Es gibt weder Toiletten, noch Wasch- oder Kochgelegenheiten. In "New Jack City", einem Slum im kalifornischen Fresno, kommen Drogen, Prostitution und Gewalt hinzu. Zwei Menschen wurden hier erschossen. "Das passiert, wenn ein Mensch versucht zu überleben", sagt Gregory Barfield, der städtische Beauftragte für Obdachlosenfragen - ein Posten, der erst im Januar eingerichtet wurde.

Noch ringen die lokalen Behörden darum, wie sie mit den illegalen Camps umgehen sollen. Ignorieren ist die einfachste und billigste Lösung. Doch seit das Lager in Sacramento zum großen Medienthema wurde - von Oprah Winfrey bis zu al-Dschasira waren alle da - kündigte Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger an, die 125 Bewohner des Lagers in Sacramento würden auf das Messegelände umgesiedelt, wo sie trockene Unterkünfte, Gesundheitsversorgung und warme Mahlzeiten erhalten würden. "Das Lager ist nicht sicher. Es ist menschenunwürdig. Aber wir werden nicht mit dem Bulldozer drübergehen", erklärte der Bürgermeister der Stadt, Kevin Johnson.

Bevor das Schicksal der Obdachlosen auf die Titelseiten der Zeitungen fand, wendete man allerdings oft rüdere Methoden an. Vor zwei Jahren zerrte die Polizei in St. Petersburg Obdachlose aus ihren Zelten und zerschnitt diese mit Teppichmessern. Auch in Fresno wurde schon einmal gewaltsam geräumt. Später sprach ein Gericht den Opfern Schadenersatz in Höhe von 2,35 Millionen Dollar zu. Barfield gibt nun eine neue, realistischere Linie vor: "Wir behandeln die Zeltstadt wie jedes andere Katastrophengebiet."

Die Zelte stehen zwischen Müll und Baumaterial und im donnernden Lärm einer Autobahnüberführung. Fresno, umgeben von den größten Obst- und Gemüseplantagen Amerikas, ist die Anlaufstation für Saisonarbeiter, die auf den Feldern bisher ein halbwegs verlässliches Auskommen fanden. Doch die Rezession und die jahrelange Trockenheit ließen viele Jobs verschwinden.

Oprah und al-Dschasira waren da

Ganz neu ist das Phänomen solcher Armensiedlungen in den USA nicht. Seit Jahrzehnten leben Tausende mexikanische Wanderarbeiter in colonias genannten Hüttendörfern entlang der Grenze zu Mexiko. Und auch die Obdachlosigkeit unter gewöhnlichen Amerikanern war immer hoch. Rund drei Millionen von ihnen, unter ihnen 1,5 Millionen Kinder, sind jedes Jahr zumindest vorübergehend ohne Wohnung, so schätzt die Hilfsorganisation National Coalition for the Homeless.

Doch die meisten blieben bislang unsichtbar, viele schliefen in Heimen, alle taten, was sie konnten, um nicht weiter aufzufallen. Doch seit die großen, wilden Obdachlosencamps wie in Fresno oder Sacramento entstanden sind, ist es, als würde der Vorhang aufgezogen. Nun lässt sich das Elend nicht mehr ignorieren. Solange die Arbeitslosigkeit in den USA immer weiter steigt, solange jeden Monat Zehntausende weitere Menschen ihre Häuser und Wohnungen verlieren, weil sie die Kredite nicht mehr bedienen können, dürfte sich das Phänomen nur weiter verbreiten.

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