Proteste in Mexiko Epischer Kampf im Zeichen der 43

Das Verschwinden der Studenten von Ayotzinapa hat in Mexiko und in ganz Lateinamerika einen Sturm der Empörung entfesselt. Es ist der Kampf einer jüngeren Generation gegen einen übermächtigen Gegner. Gewinnen kann sie ihn nur mit Hilfe aus dem Ausland.

Von Sebastian Schoepp

Studentenproteste in Mexiko-Stadt im Oktober.

(Foto: dpa)

Die Zahl 43 erobert derzeit den amerikanischen Kontinent. Sie ist auf Transparenten zu sehen am Zócalo-Platz in Mexiko-Stadt und prangt in großen Lettern an der 9 de Julio, der Prachtstraße von Buenos Aires. Sie war kürzlich präsent auf den T-Shirts von Musikern bei der Verleihung der Latin Grammys in Las Vegas; und immer öfter kann man sie auch in den Fußgängerzonen von München, Madrid oder London antreffen. Die Zahl steht für die 43 Studenten der Lehrerschule von Ayotzinapa in Mexiko, die im September entführt und aller Wahrscheinlichkeit nach ermordet wurden von einem Verbrecherkartell aus Drogengangs, Polizisten und Politikern. In sozialen Netzwerken ist die 43 weltweit längst ein Symbol geworden für den verlorenen Krieg gegen die Drogen, dessen Auswüchse die überwiegende Zahl der Mexikaner und Lateinamerikaner nicht mehr hinnehmen wollen. Erst Anfang der Woche demonstrierten wieder in mehr als sechzig mexikanischen Städten Zehntausende Menschen, die der Regierung von Präsident Enrique Peña Nieto Versagen im Kampf gegen das organisierte Verbrechen vorwerfen. "Wir alle sind Ayotzinapa", dieser Spruch erschallt auch in Europa immer wieder bei Solidaritäts-Demonstrationen von Barcelona bis Berlin.

Die Botschaft lautet: Es kann jeden treffen

Dass das Schicksal der 43 Studenten von Ayotzinapa die mexikanische Gesellschaft und mit ihr ganz Lateinamerika so viel mehr aufrüttelt als all die anderen 70 000 Toten, die der Drogenkrieg bislang gefordert hat, hat einen einfachen Grund: Bis dato hatte die mexikanische Regierung mehr oder weniger erfolgreich die Version aufrechterhalten, im Drogenkrieg sterbe nur, wer sich mit Drogen einlasse. Die 43 Verschwundenen waren jedoch normale Studenten, die taten, was viele Studenten auf der Welt tun: soziale Verbesserungen fordern, Spenden sammeln, demonstrieren, sich engagieren. Ihr Verschwinden stellt alle Fortschritte in Frage, die Lateinamerika in der vergangenen Dekade bei der Demokratisierung und der gesellschaftlichen Konsolidierung erreicht hat.

Die grausame Botschaft von Ayotzinapa lautet nämlich: es kann jeden treffen, der eine transparente und gerechte Gesellschaft einfordert; jeden, der sich als Teil der Zivilgesellschaft versteht, die gerade in Mexiko seit der wirtschaftlichen Öffnung der 1990er Jahre eine enorme Dynamik entfaltet hat. Es ist eine äußerst beunruhigende Botschaft aus der überwunden geglaubten Ära der Clans, des Feudalismus und der Todesschwadronen, die keine neue Zeit gebrauchen können. Teile der Partei des Präsidenten, der "Revolutionspartei" PRI, sind in diese finsteren Kartelle traditionell tief verstrickt, und nur wenige trauen Peña Nieto eine tiefgreifende Erneuerung zu, die aber nötig wäre, um Mexiko aus dem Würgegriff des Verbrechens zu befreien. Deshalb versuchen gerade junge Menschen, selbst etwas zu tun. Sie haben die Plattform "Ya me cansé" gebildet ("Ich bin es müde"), deren Name auf den Seufzer eines Staatsanwalts bei einer Pressekonferenz zurückgeht und der zum Symbol einer unfähigen bis untätigen Justiz geworden ist, die 80 Prozent der Verbrechen unaufgeklärt lässt. Das erfährt man etwa in einem englischsprachigen Video, das junge Mexikaner von "Ya me cansé" aufgenommen haben, um die Welt für ihre Sache zu gewinnen.

Der Gegner ist übermächtig

So kämpft das alte gegen das neue Mexiko derzeit einen epischen Kampf, dessen Ausgang ungewiss ist. Die jüngeren Generationen, die aufbegehren, sich die alten Strukturen nicht mehr bieten lassen wollen, haben einen übermächtigen Gegner. "Es war der Staat", steht auf Transparenten vieler Demonstranten zu lesen, die Gerechtigkeit fordern. Es ist ein Hinweis darauf, dass "der Staat" in einem Land wie Mexiko noch lange nicht die Gesamtheit der Individuen darstellt, sondern für viele nur ein finsterer Apparat ist, der dem Machterhalt Einzelner zuarbeitet. Um sich vor dem Staats-Moloch zu schützen, verlässt man sich traditionell auf die Familie, auf den Clan, versucht den Apparat auszutricksen und zu kapern, wo man nur kann. Es ist genau dieses fehlende Staatsverständnis, das letztlich den Kartellen in die Hände spielt, die sich seiner bedienen, um eine Gegenmacht aufzubauen, die nach Gutdünken Wohltaten gibt und Leben nimmt.

Wo aber ist der Ausweg aus dieser Spirale? Wer durchbricht die Endlosherrschaft der Clans? Mehr Soldaten, mehr Überwachung, mehr Verfolgung? Das alles hat wenig gebracht in den vergangenen 15 Jahren. Oft wird inzwischen die Freigabe der Drogen in Konsumentenländern wie den USA oder Deutschland gefordert, um den Kartellen die Einnahmen zu entziehen, denn die Gewinne entstehen durch die Illegalität. Doch diese Forderung hat derzeit wenig Aussicht auf Erfolg, obwohl sie als einzige durchschlagenden Erfolg bringen könnte, so wie bei Al Capone in den USA der 1920er Jahre, dessen Imperium nach dem Ende der Alkoholprohibition quasi über Nacht kollabierte.

Nur Vertrauen kann den Bann der Gewalt brechen

Was also sonst tun? Mexiko ächten, Freihandelsabkommen prüfen, Investitionen stoppen, Druck ausüben, Zusammenarbeit beenden, wie ebenfalls gefordert wird? Genau das Gegenteil ist richtig. Mexikos begonnener Aufstieg zum wirtschaftlichen Tigerstaat muss weitergehen, er muss sich beschleunigen, es braucht mehr Wohlstand, mehr Handel, mehr Fortschritt, mehr Austausch, mehr Perspektiven, um den grundlegenden gesellschaftlichen Wandel zu erreichen. Dabei muss man sich im Klaren sein, dass dieser Wandel auf keinen Fall schnell vonstattengehen wird, jahrzehntelange Fehlentwicklungen ändert man nicht in wenigen Monaten. Er kann nur das Ergebnis mühsamer Kleinarbeit sein.

Am meisten hilft der erwachenden Zivilgesellschaft derzeit, wer Vertrauen in Mexikos Zukunft zeigt, wer investiert und junge Menschen ermutigt und ausbildet, wie das etwa deutsche Firmen tun, allen Rückschlägen und Gefahren zum Trotz. Denn erst wenn Bewohnern der Armenviertel ein rechtschaffenes Leben lukrativer erscheint als der kurze Dollar-Rausch der Kriminalität, kann der Bann der Gewalt gebrochen werden. Das letztlich ist auch die Botschaft der 43 verschwundenen Studenten von Ayotzinapa.