Protest gegen Sexualstraftäter Therapie-Dorf wider Willen

Mit Trillerpfeifen und Vuvuzelas gegen Sexualstraftäter: Die Bewohner von Stendal in Sachsen-Anhalt protestieren heftig gegen ihre neuen Nachbarn - zwei aus der Sicherungsverwahrung entlassene Männer. Die Landespolitik zeigt sich hilf- und ratlos.

Von Christiane Kohl

Das alte Bauernhaus in der Luise-Mewis-Straße wirkt grau und unscheinbar. Kaum jemand würde wohl Notiz davon nehmen, wären da nicht die Polizeiwachen postiert. In den letzten Tagen zogen hier immer wieder Bürger mit Trommeln und Trillerpfeifen auf der sorgfältig gepflasterten Straße vor dem Haus auf. Es waren zumeist Frauen, die gegen die Bewohner des Bauernhofes wüteten. Da sah man eine graugelockte ältere Dame, die auf einer Vuvuzela trötete, derweil hielten zwei Knirpse ein Laken in die Kamera-Objektive: "Wir wollen keine Sexualstraftäter in unserem Dorf", stand darauf in roter Farbe.

Die Bewohner der Gemeinde Insel bei Stendal in Sachsen-Anhalt wollen mit ihren Protesten erreichen, dass zwei Einwohner, die im Sommer zugezogen waren, schleunigst wieder ihren Ort verlassen - es handelt sich um verurteilte Sexualstraftäter.

Nicht nur im Dorf schlagen die Emotionen hoch. Auch im Landtag von Sachsen-Anhalt wurde diese Woche heftig über die Vorgänge in Insel debattiert. Denn nach immer neuen Demonstrationen hatte der Innenminister von Sachsen-Anhalt Holger Stahlknecht, der früher mal als Staatsanwalt tätig gewesen war, kurzerhand eine vermeintlich pragmatische Lösung mit den beiden Neubürgern ausgehandelt. Derzufolge haben sich die beiden 54 und 64 Jahre alten Männer einverstanden erklärt, sobald wie möglich wieder aus Insel fortzuziehen. Der Krach im Dorf schien zunächst beseitigt, um so hitziger aber diskutierte das Parlament: Darf ein Dorf einfach zwei Bürger aus der Gemeinschaft ausschließen, nur weil sie vor vielen Jahren Straftaten begingen, die als längst verbüßt gelten?

Am Ende der Diskussion verabschiedeten die Parlamentarier eine Erklärung, die von der CDU bis zur Linkspartei nahezu einstimmig unterstützt wurde. Doch das Papier drückt vor allem Ratlosigkeit aus. So appellieren die Abgeordneten ganz allgemein daran, "Haftentlassenen die Chance zur Resozialisierung zu geben und sie in der Gesellschaft aufzunehmen". Deshalb hätten auch die beiden Männer in dem alten Bauernhaus von Insel das Recht, "den Ort für einen Neuanfang grundsätzlich frei zu wählen". Doch, so stellen die Parlamentarier fest: "Der grundrechtlich geschützte Freiheitsanspruch der Betroffenen" lasse sich in Insel "aufgrund der aktuell zugespitzten Situation derzeit nur schwer realisieren". Deshalb müsse die Politik um rechtsstaatliche Lösungen ringen.

Nicht nur in Insel, auch andernorts kommt es immer häufiger zu Protesten, wenn frühere Straftäter versuchen, wieder in der Gesellschaft Fuß zu fassen, vor allem, wenn es um Sexualdelikte geht. Ein ehemaliger Strafgefangener zog es in Nordrhein-Westfalen deshalb vor, wieder in den Knast zurück zu ziehen. Auch für die beiden Männer, die derzeit noch in dem grauen Haus von Insel leben, ist der Ort in Sachsen-Anhalt nicht die erste Station nach dem Gefängnis.

Gute Tat mit ungeahnten Folgen

Ursprünglich kommen sie aus Baden-Württemberg, wo sie nach der Haft zunächst unter Sicherungsverwahrung standen. Aufgrund eines Urteils des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte kamen die beiden Männer jedoch frei. Nachdem das zuständige Gericht zugestimmt und ein Psychologe ihre Ungefährlichkeit attestiert hatte, zogen sie im Juli nach Insel. Ein Freiburger Tierarzt, der die beiden Männer kennen gelernt hatte, als er ihren Wellensittich behandelte, verschaffte ihnen die Wohnung, ihm gehört das graue Haus in dem Dörfchen. "Ich bin Christ", sagt der Tierarzt Edgar von Cramm, dessen Vater einst in Insel lebte, "ich wollte etwas Gutes tun". Nie habe er sich ausmalen können, was folgte.

Kurz nachdem sich einer der beiden bei der Agentur für Arbeit gemeldet und dort seinen Werdegang geschildert hatte, ging der Ärger offenbar los. Laut Auskunft des Justizministeriums in Magdeburg datieren die letzten Verurteilungen der beiden aus den Jahren 1985 und 1986. Bestraft wurden sie wegen mehrerer Vergewaltigungen, unter den Opfern soll auch ein 15-jähriges Mädchen gewesen sein.

Nachdem sich in Insel Unmut zu regen begann, schaltete sich der Ortsbürgermeister Alexander von Bismarck ein. "Ich habe versucht, den Menschen Ventile zu geben", sagt er. Es seien zunächst Unterschriften gesammelt und ein Brief ans Ministerium verfasst worden. "Doch von dort", sagt von Bismarck, "gab es monatelang keine Antwort". Das habe die Menschen in Insel verärgert, sagt der Adlige, der nach der Wende in dem benachbarten Dorf Döbbelin ein Herrenhaus restauriert hatte, das einstmals seiner Familie gehörte.

"Wir sind kein Therapie-Dorf"

Mitte August bat der Bürgermeister den Tierarzt in das gelb getünchte Herrenhaus. Gemeinsam setzten die beiden Herren einen Brief an die Behörden auf, in dem sie anregten, eine neue Bleibe für die beiden Männer zu finden. "Doch es geschah wieder nichts", sagt von Bismarck. Stattdessen hieß es, "dass es die gesellschaftliche Aufgabe von Insel" sei, die Ex-Täter zu integrieren. "Aber wir sind doch kein Therapie-Dorf", insistiert der Bürgermeister: "Die Menschen waren auf sowas nicht vorbereitet".

Und so wurde bald täglich demonstriert. Ende September mischten sich dann die ersten Neonazis unter die Hausfrauen vor dem grauen Haus. Da ging es plötzlich ganz schnell: Der Innenminister kam, die Kirche vermittelte - und von Bismarck wurde bezichtigt, dem rechten Mob Vorschub geleistet zu haben. Doch der wehrt sich: "Ich werde gegen jeden vorgehen, der mich in die rechte Ecke schieben will", sagt der Adlige. Das Problem sei die Politik, "die reden nicht mit den Menschen, sondern nur noch über sie."