Von Wolf Schmidt

Wenn Menschen vom Alkohol loskommen wollen - und mit welchen Problemen sie dabei zu kämpfen haben: Besuch einer Therapiesitzung auf der "C4", der Entgiftungsstation der Münchner Uniklinik.

Wäre das hier ein Film, müsste Renate jetzt aufstehen, ihren Namen nennen und sagen: "Ich bin Alkoholikerin." Doch aufstehen, das kann Renate gerade nicht.

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Problem Alkoholsucht: "Das hier ist keine Spaßveranstaltung." (© Foto: dpa)

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Sie ist zu schwach, ihre Knie zittern. Nicht etwa, weil sie stockbetrunken wäre, sondern weil sie heute weniger Bier getrunken hat, als ihr Körper von ihr verlangt.

Also bleibt Renate sitzen. Um dann mit brüchiger Stimme doch noch diesen einen, filmreifen Satz zu sagen: "Ich heiße Renate. Und ich habe ein Alkoholproblem."

"Können Sie lauter reden?", sagt Heidi Mühlbauer. "Die anderen sollen auch etwas verstehen." Mühlbauer ist Psychologin auf "C4", wie die Suchtstation der Münchner Uniklinik heißt. Ihre strenge Stimme soll klar machen: Das hier ist keine Spaßveranstaltung.

Jeden Mittwochabend können Alkoholabhängige, die von der Droge loskommen wollen, hierher kommen. Unter einer Bedingung: Jeder, der auf "C4" zur Entgiftung aufgenommen werden möchte, muss sich zuerst vor einer offenen Gruppe zu seiner Sucht bekennen. "Wir verlangen, dass die Patienten die Hosen runter lassen und anfangen, ehrlich zu sein", sagt Psychologin Mühlbauer. "Denn Sucht hat viel mit Bagatellisieren zu tun."

"Wie geht es Ihnen?" - "Beschissen"

Psychologin Mühlbauer sitzt ganz vorne in dem langgezogenen Raum, in dem die Sucht förmlich in der Luft liegt: Obwohl die Fenster geöffnet sind, riecht man immer wieder Alkoholschwaden. Auf Holzstühlen sitzen etwa 50 Menschen, die alle dasselbe Schicksal teilen: die Abhängigkeit. Manche im Raum haben den Entzug schon hinter sich. Manche stecken mittendrin. Andere wollen ihr Alkoholproblem jetzt endlich angehen.

So wie die 41-jährige Renate. "Wie geht es Ihnen", fragt Psychologin Mühlbauer. "Beschissen", sagt Renate. "Ich wache nachts zweimal auf und muss ein Bier trinken." Zum Aufstehen dann das nächste, tagsüber seien es vier weitere. Mindestens. Der Alkohol hat Renate den Job gekostet. Sie war Chefsekretärin, 50.000 Euro habe sie im Jahr verdient. Heute bekommt sie Arbeitslosengeld II und damit noch nicht einmal ein Zehntel ihres früheren Gehalts.

Nach außen hin versucht Renate, ihren Status aufrecht zu erhalten: Wimperntusche, Lippenstift, goldene Ohrstecker, Lederhandtasche, die Haare aubergine gefärbt. Doch die Sucht lässt sich nicht einfach übertünchen. Schon mehr als ein Dutzend Entgiftungen hat Renate hinter sich. "Dieses Mal muss es einfach klappen", sagt sie vor der Gruppe.

Neben Renate haben heute noch drei Neue in die Mittwochsgruppe gefunden. Da ist Jürgen, den die Einsamkeit immer wieder in die Kneipe treibt. Und Dieter, dem der Melissengeist nicht nur die Leber, sondern auch die Ehe zerstört hat.

Und Jörg, der überzeugt davon ist, dass er mit dem Alkohol ja nicht ganz aufhören müsse. Zwei, drei Schoppen Wein am Nachmittag seien bestimmt in Ordnung. "Da sträuben sich mir die Nackenhaare", schreit Psychologin Mühlbauer durch den Raum. Komplette Abstinenz, alles andere sei Selbstbetrug.

Einer, der den Absprung bereits geschafft hat, ist Frank. Sein Job hatte ihn zum Trinker gemacht. "Der Leistungsdruck war enorm", erinnert sich Frank, der als Key Account Manager bei einem Spielzeugkonzern gearbeitet hat.

Ständig schlief er in Hotelzimmern, die Familie weit weg, 60.000 Kilometer im Jahr war er mit dem Auto unterwegs. "Ich bin nie nüchtern gefahren." Im September hatte Frank dann auf der "C4"-Station seinen Entzug, anschließend eine Therapie. Der 62-Jährige blieb trocken - und kommt weiterhin jede Woche zur Mittwochsgruppe. "Aus Dankbarkeit."

Für Renate ist es noch ein langer Weg, bis sie die Sucht im Griff hat, vielleicht klappt es auch nie. In zwei Tagen wird sie zur Entgiftung auf Station kommen. Sie wird die üblichen Entzugserscheinungen haben, sie kennt das schon: Zittern, Schwitzen, Schwindel, Erbrechen. In schweren Fällen kann es auch zu Krämpfen, epileptischen Anfällen oder Delirium kommen. Renate ist ein schwerer Fall. "Die ersten beiden Tage werden sehr hart", sagt sie.

Dabei fängt der eigentliche Kampf erst nach der Entgiftung auf "C4" an: Der Kampf gegen die psychische Abhängigkeit, bei dem Renate bisher immer gescheitert ist. Nach den drei Wochen Entzug wird sie eine mehrere Monate lange Auffangtherapie machen. Danach erst wird sich zeigen, ob sie dauerhaft vom Bier lassen kann.

"Ich möchte wieder ein Leben haben", sagt Renate. Ein Leben, in dem sie bestimmt, nicht der Alkohol.

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(SZ vom 15.6.2007)