Von Wolfgang Koydl

Der Kriegseinsatz macht Prinz Harry zum seriösen Thronanwärter. Das Image eines alkoholisierten Partyprinzen dürfte er jedenfalls für immer abgelegt haben.

Man könnte meinen, dass die Briten nachträglich noch einmal den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten: Auf vier, sechs, acht Seiten Länge schwelgen die Tageszeitungen vom Gossenblatt bis zur Qualitätspublikation in den Abenteuern des Leutnants Henry Wales, alias Prinz Harry, an der Front in Afghanistan.

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"Einer von unseren Jungs": Prinz Harry in Afghanistan. (© Foto: Reuters)

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Das Fernsehen steht dem nicht nach: Sky News und die BBC scheinen mit Ausnahme der Wettervorhersage jede andere Berichterstattung vorübergehend eingestellt zu haben.

Die Begeisterung ist verständlich: Nach Wochen voller grauenhafter Nachrichten über Serienmörder, Kinderleichen und Korruptionsskandale ist die Erleichterung spürbar, mit der die Öffentlichkeit ihren neuen Helden umarmt. Vor lauter Freude schlüpfen sogar kontinentale metrische Maße in die Geschichten: Nur 500 Meter von "Terry Taliban" entfernt habe der junge Prinz in seinem Erdloch gelegen. Das Meter-Maß klingt freilich auch noch näher als 1640 Fuß.

"Einer von unseren Jungs", titelte patriotisch die Sun neben einem Foto des Prinzen in sandfarbenem Kampfanzug mit Helm und Gewehr. Das Bild ist sogar als Plakat beigelegt: "Wir beschwören unsere Leserarmee, unser Harry-Poster in Fenstern im ganzen Land zu präsentieren."

Mit bemerkenswerter Heuchelei klopft sich das Blatt, das noch nie Nein zu Paparazzi-Fotos des Royals sagte, auf die Schulter: "Der Dritte der Thronfolge, am ehesten dafür bekannt, aus Clubs herauszutorkeln, beweist, was die Sun schon immer wusste. Er ist ein Mann von herausragendem Mut, der riskierte, dass ihm die Taliban den Kopf abschossen, damit er mit seinen Kameraden seinem Land dienen konnte."

Am erstaunlichsten freilich ist, dass die für ihre Respektlosigkeit berüchtigte britische Medienmeute die Sensationsnachricht vom Fronteinsatz Harrys so lange geheim hielt. Auf vier Monate war die Tour des Leutnants terminiert; immerhin zehn Wochen konnte er anonym absolvieren, bevor die US-Internetpublikation "Drudge Report" das Geheimnis herausposaunte.

Als Belohnung für die Selbstzensur erhielten die britischen Medien freiherzige Interviews mit Harry, die nach dessen Rückkehr ausgestrahlt werden sollten. Wie der Internetherausgeber Matt Drudge zu seinem Scoop kam, ist noch unbekannt. Eine Veröffentlichung im Januar durch eine australische Zeitung war unbemerkt geblieben.

Vielleicht war ein amerikanischer Soldat stutzig geworden. Denn auch US-Kampfpiloten hatten in den vergangenen Wochen Funkkontakt zu dem Prinzen, der vom Boden aus Luftangriffe auf Taliban-Stellungen koordinierte. Die Piloten freilich kannten ihn nur unter der anonymen Kennung Widow Six Seven, und sein unverkennbarer britischer Oberklassenakzent dürfte von der Statik des Funkgerätes verschluckt worden sein.

Mit großem Bedauern hat die britische Militärführung jetzt entschieden, Harry aus Afghanistan abzuziehen. Nun, da sein Inkognito gelüftet ist, so die Überlegung, würde er seinem Spitznamen als "Kugelmagnet" wirklich gerecht werden und sich selbst und seine Kameraden zusätzlichen Gefahren aussetzen.

Für Harry hat sich der kurze Ausflug an die Front gleichwohl gelohnt. Das Image eines alkoholisierten Partyprinzen dürfte er für immer abgelegt haben. Stattdessen drückte ein Brite in einer E-Mail an die BBC aus, was wohl andere Landsleute ebenso empfinden: "Das ist ein Mann, der König sein könnte, ja, wagen wir es auszusprechen, König sein sollte."

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(SZ vom 1./2.3.2008/grc)