Glücksuche in Deutschland: Die Enthüllung, der Volksheld habe in München eine zweite Familie gehabt, sorgt in den USA für Verblüffung.

(SZ vom 6.8.2003) - Nahezu sämtliche amerikanische Medien berichteten in den letzten Tagen über die Enthüllung der Süddeutschen Zeitung, die Pilotenlegende Charles Lindbergh habe nach dem Zweiten Weltkrieg in München mit seiner Geliebten Brigitte Hesshaimer eine zweite Familie gehabt.

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In einigen Berichten war der hämische Ton nicht zu überhören, was damit zusammenhängen mag, dass das Verhältnis Amerikas zu seinem Volkshelden Charles Lindbergh schon immer etwas gespalten war. Immerhin hatte der Atlantikflieger bei einem Abendessen 1938 das Verdienstkreuz von Hermann Göring angenommen.

Da spielt es für viele nur eine untergeordnete Rolle, dass Lindbergh dem amerikanischen Botschafter dann später half, Göring zu überreden, ausreisenden Juden zu erlauben, wenigstens einen Teil ihres Vermögens mitzunehmen. Nicht genug: Später flog Lindbergh gar als Kampfpilot noch mehr als 50 erfolgreiche Angriffe gegen Japan. Trotzdem blieb ihm der Ruf als Nazisympathisant.

So begannen die New York Times und der San Francisco Chronicle ihren ersten Bericht über die Enthüllung denn auch mit dem Satz: "Charles A. Lindberghs Sympathien für das Naziregime im Vorkriegsdeutschland war schon lange ein Schandfleck auf seinem glorreichen Vermächtnis." Womit der Text den Vorwurf impliziert, Lindberghs Doppelleben im Nachkriegsdeutschland sei noch ein Beweis für seine latenten Nazisympathien.

Etwas nüchterner vermeldeten CNN und Boston Globe die Nachricht, der Mann, der als erster den Atlantik nonstop in einem Flugzeug überquerte, habe auf der anderen Seite des Ozeans 17 Jahre lang ein Verhältnis mit einer Münchner Hutmacherin gehabt, die ihm in dieser Zeit drei Kinder gebar.

Die Familie Lindbergh in den USA verweigerte bislang jeden Kommentar. "Weder die Nachkommen von Charles Lindbergh noch seine Nachlassverwalter haben sich bisher geäußert", sagte Marlene White, Geschäftsführerin der Charles A. and Anne Morrow Lindbergh Foundation zur SZ. "Die Nachricht kam für uns sehr plötzlich und überraschend." Bevor es keine handfesten Beweise gebe, dürfe man auch keine Reaktionen der Familie erwarten.

"Es ist ja nicht das erste Mal, dass jemand behauptet, ein Nachkomme von Charles Lindbergh zu sein. Die meisten allerdings versuchten glaubhaft zu machen, sie seien das verschollene Lindbergh-Baby".

Lindberghs erster Sohn mit seiner Frau Anne Morrow war 1932 als Einjähriger entführt und ermordet worden. "Da gab es sogar eine Schwarzafrikanerin, die allen Ernstes behauptete, das Lindbergh-Baby zu sein", erzählte Marlene White. Dass sich nun aber auch aus Deutschland angebliche Kinder Lindberghs melden würden, sei etwas Neues.

"Ich arbeite jetzt schon seit 20 Jahren bei der Stiftung", sagte Marlene White. "Davon habe ich noch nie etwas gehört." Weder die Familie, noch die Nachlassverwalter planten deshalb im Moment, mit einer Erklärung oder weiteren Schritten auf die Behauptungen zu reagieren.

Auch A. Scott Berg, der 1999 für seine Lindbergh-Biografie mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, hatte bislang vom Fall Hesshaimer nie etwas gehört. "Die Leute, die behauptet haben, das Lindbergh-Baby zu sein, waren ziemlich fehlgeleitet", sagte er, "denn das Lindbergh-Baby ist ganz einfach tot.

Die angeblichen Kinder aus München scheinen aber nette Leute zu sein." Nur eines leuchte ihm nicht ein: "Wenn sie keine Forderungen irgendeiner Art an die Familie stellen wollen, warum gehen sie dann mit einer so persönlichen Angelegenheit an die Öffentlichkeit?"

Ständig auf Reisen

Eine Bewertung der Geschichte will Berg vorerst nicht abgeben. "Ich habe noch nichts gesehen, was eine Vaterschaft beweisen würde", sagte er und gab zu bedenken: "Dass Lindbergh eine komplett andere Familie gehabt haben soll, passt nicht zu seinem Charakter." Möglich sei das Ganze aber schon.

Die häufigen Reisen nach München seien zwar nicht belegt, aber Lindbergh sei bis ins hohe Alter ständig auf Reisen gewesen. "Dabei war Lindbergh in so ziemlich allen Städten der Welt. Und zusammen mit seiner Frau hatte er ein Chalet in der Schweiz. Manchmal hat er sich in seinen Volkswagen gesetzt und ist durch ganz Europa gefahren. Da war er oft monatelang alleine unterwegs."

Sehr gut möglich, dass Lindbergh in dieser Zeit seine andere Familie in München besuchte.

Und die Briefe? Können die aus Sicht des Biografen authentisch sein? Scott Berg sagt nach einem Moment des Nachdenkens: Ja. Der Pilot sei dafür bekannt gewesen, ungewöhnlich oft an Freunde und Bekannte geschrieben zu haben.

Daten und Ereignisse aus den Briefe stimmen, da ist er sicher, mit der offiziellen Biografie überein.

Auch auf der anderen Seite des Atlantiks, den man hier und heute nonstop in zwei Zeilen überqueren kann, schlägt die Entdeckung, dass Lindbergh es nicht bei seinen sechs amerikanischen Kindern belassen hat, weiter hohe Wellen.

Niemand hat mit dem Ausmaß der Reaktion gerechnet. "Die drei deutschen Kinder Lindberghs", sagt Anton Schwenk, ihr Sprecher und Berater, "sind von der großen Resonanz überrascht und überwältigt worden." Es gehe nicht um finanzielle Forderungen, sondern nur darum, der Welt zu erzählen, dass ihr Vater Charles Lindbergh sei. "Wir sind aber auf Querschüsse der Lindbergh-Foundation gefasst. Wir werden uns wappnen."

Dabei gibt es einen ganz einfachen Weg, alle Zweifel auszuräumen: den Beweis per Gentest. Und Schwenk räumt ein, dass man möglicherweise diesen Schritt auch gehen werde. Denn es gehe um nicht mehr und nicht weniger als die Wahrheit und um das Image der Kinder, nicht um erbrechtliche Ansprüche.

Wie auch immer die Geschichte weitergehen wird: Für Hollywood scheint sie schon jetzt interessant zu sein, jedenfalls habe sich schon ein Studio gemeldet. Und dabei, auch das kann man bereits jetzt sagen, geht es natürlich doch auch schon um etwas Geld.

Denn die Geschichte von Astrid Bouteuil und ihren beiden Brüder - die ist deren ureigene Geschichte. Darauf kann niemand Ansprüche erheben - denn niemand kannte sie.

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