Phänomen Lana Del Rey Erfolgsrezept: penetrant lustlos

Die melancholisch-gelangweilte Mimik ist Lana Del Reys Markenzeichen. Passend dazu bietet sie musikalisch den Soundtrack zur Krise. Doch die wird uns länger erhalten bleiben als die amerikanische Sängerin.

Von Martin Wittmann, Berlin

Sonntagabend, Geheimkonzert. Der Superstar tritt in das Rampenlicht, die wenigen Fans, die dabei sein dürfen, feiern sich und die Nacht, kollektive Ekstase in Berlin-Mitte, ein ausgelassener Jubelstorm. Vorne wirbelt die Sängerin ihre Show auf die Bühne, eine Ode an das Leben, sie singt und hüpft und tanzt, überglücklich unter Strom. Die Künstlerin als Duracell-Derwisch, die Frau als Kraftschubse, der Mensch als Energieriegel.

Ja, so muss es wohl gewesen sein, bei Rihannas Überraschungsauftritt im E-Werk. Aber man kann ja nicht überall sein.

Ein paar Meter weiter das andere Geheimkonzert an diesem Abend, das ganz andere: Lana Del Rey. Das ist die junge Frau, die vergangenes Jahr mit "Video Games" ein unverschämt gutes Lied veröffentlichte, die 20 Millionen Youtube-Klicks für das Video zum Hit verbuchte, die anschließend von Fernsehshow zu Fernsehshow gereicht wurde, die zahlreiche Preise bekam, die Debatten im Feuilleton (neues Fräuleinwunder?) wie im Boulevard (neue Lippen?) auslöste und die seit Wochen als H&M-Model nicht lächelt.

Das hübsche Phänomen der Stunde

Sie kann also sehr wohl überall sein. Besser gesagt: Sie muss überall sein, denn die bittere Wahrheit lautet in der Theorie, dass die New Yorkerin das hübsche Phänomen der Stunde ist, dem jedoch niemand ernsthaft Nachhaltigkeit zutraut. Ihr Erfolg könnte eine bequeme internetzeitgemäße Momentkarriere bleiben, ohne die zähe Illusion von Perspektive. In der Praxis heißt das: Wer mit der Frau noch Geld machen will, sollte sich sputen.

H&M hat da zugegriffen und macht nun den Test: Wo Lana Del Reys aktueller Kurs wirklich steht, lässt sich wohl nirgends besser ermitteln als auf einer Party mit hippen Gästen, die ihre Hipness sicher nicht aufs Spiel setzen würden mit dem Besuch einer unhippen Veranstaltung. So lud das Modehaus zum Konzertchen in die fabrikhohen Stuckzimmer seines Showrooms, und jeder Gast gab sich furchtbar Mühe, nicht in H&M zu kommen.

Grundsätzlich gilt bei Terminen wie diesem ein, sagen wir, 1,75 Meter-Index. Das heißt: die Exklusivität des Promipublikums zeigt sich daran, wie viele Männer, die kleiner als dieses Maß sind (Schauspieler), und wie viele Frauen, die größer sind (Models), der Einladung folgen.

Daniel Brühl ist also da, Jürgen Vogel, Maxim Mehmet, Tim Bendzko, Tom Schilling. Auch Sara Nuru, Shermine Sharivar und Franziska Knuppe. Eva Padberg verzichtet auf die gereichten Shrimps in Sesam und erzählt der Kamera von dem "krass neuen Gefühl von Nostalgie und Melancholie", das ihr die Musik vermittle. Ein Anderer nennt es die "kalifornische Immer-Sonnenschein-Depressivität". Jasmin Tabatabai ist mit den Kindern gekommen, die herumtollen und für sich sein dürfen, aber: "Angie, keine Cola!"

Endlich bahnen sich zwei kräftige Männer ihren Weg durch die Stehparty, zwischen ihnen, im roten Kleid von H&M-Gastdesigner Martin Margiela, der Superstar. Lana Del Rey geht Richtung Kammermusikbühne, und das ist das Vitalste, was in den kommenden 20 Minuten von ihr zu sehen sein wird.

Applaus, das Licht wird blau, die Sängerin singt "Blue Velvet". "Die sieht viel älter aus, als sie ist", flüstert eine Frau ihrem Begleiter zu, und als der fragt, wie alt sie denn sei, zuckt die Frau nur mit den Schultern (26 wäre die richtige Lösung).

"Wo geht's als Nächstes hin?"

Lana Del Rey hat sich der Trübsal und der Fadheit verschrieben, das ist auf den Postern zu sehen, die sie penetrant lustlos zeigen, und das ist zu hören in ihren Liedern, die so schön schwer sind: für jede Krise ein Soundtrack.

Lana Del Rey setzt ihren dauergutgelaunten Pop-Kolleginnen Melancholie in Mimik und Stimme entgegen. Und schießt dabei übers Ziel hinaus.

(Foto: AFP)

Dass die Krise die Sängerin aber überleben wird, hat einen Grund: Krisen haben viele Gesichter, Lana Del Rey nur eines. Ihre Eindimensionalität kann sie hier, im kleinen Kreis, nicht mal mehr als Retro-Glamour tarnen. Die Künstlichkeit, die Trauer, der Mund, die Unsicherheit, die Überforderung, die Steifheit: Lana Del Rey sieht aus, als würde Lindsay Lohan eine zum Roboterleben erweckte Schaufensterpuppe spielen, die nach dem Bildnis einer frisch verwitweten Jackie Kennedy geschaffen wurde. Öd gelaufen.

Hier, im Geschmackslabor in Berlin-Mitte, ist das Kommen und Gehen des Phänomens jedenfalls in konzentrierter Kurzfassung zu erleben, wie bei einem Film-Trailer. Ganze vier Lieder singt Del Rey. Als sie hinaus gegangen ist, gibt es wieder Häppchen, und die Leute fragen (programmatisch): "Wo geht's als Nächstes hin?" Und weg sind sie. Vielleicht wären sie lieber bei der Anti-Lana, bei Rihanna gewesen. Andererseits: Die können sie auch noch in ein paar Jahren sehen.

Übrigens: "Video Games" hat die alte Verweigerin Lana Del Rey nicht gespielt. Auch nicht das neue Lied, in dem sie singt: "My pussy tastes like Pepsi Cola." Vielleicht hat ihr das ja Jasmin Tabatabai verboten.