Pfadfinder-Ritual "Pflocken" Kein harmloses Spiel

Unter Pfadfindern gibt es ein Ritual, das Kinder und Jugendliche erniedrigt. Für Experten ist das "Pflocken" Kindesmisshandlung. Auch die großen Pfadfinderverbände sehen das so. Aber das ist wohl nicht bei allen Mitgliedern angekommen.

Von Markus C. Schulte von Drach

Ein Pfadfinderlager im Frühling 2014 in Süddeutschland: Kinder und Jugendliche spielen, toben, üben, lernen und haben Spaß. Plötzlich macht ein Wort die Runde. Einer sagt es dem anderen: Mark soll "gepflockt" werden. Bald haben sich die jungen Teilnehmer versammelt, um zuzuschauen, was vor sich geht. Mark, etwa elf Jahre alt, hat irgendeinen Unfug angestellt, "etwas Schlimmes", wird geraunt. Er soll bestraft werden.

Gruppenleiter legen ihn auf einen Tisch und binden ihn mit gespreizten Armen und Beinen fest. Weingummischlangen werden ihm in den Mund gestopft. "Die meisten fanden das lustig", berichten Teilnehmer des Lagers. Einige der Kinder allerdings können nicht darüber lachen. Droht ihnen so eine Strafe in Zukunft auch?

Eigentlich findet Pflocken oder Pflöckeln im Freien statt. Das zeigen Beschreibungen und Fotos, die im Internet zu finden sind. Vier Heringe oder Pflöcke werden in den Boden gerammt - daher der Name -, der Betroffene wird mit Schnüren daran festgebunden. Das erinnert an Bilder aus dem Wilden Westen. Natürlich wird niemand wirklich gemartert. Doch die Gefesselten wissen nicht, was kommt. Unsicherheit und Angst gehören dazu. Es wird ausgekitzelt, mit Filzstiften bemalt, manchmal mit Wasser übergossen. Im Netz kursieren auch Geschichten über das Beschmieren mit Honig oder Essensresten.

Wie häufig das passiert, ist unklar. Aber abgesehen von dem oben beschriebenen Fall mit geändertem Namen ("Mark" heißt in Wirklichkeit anders), rätselt etwa auch auf gutefrage.net und anderen Seiten in diesem Sommer ein 14-jähriger Pfadfinder, was die Ankündigung bedeute, er würde als Neuer während des nächsten Zeltlagers "gepfloggt". Die Antworten sind aufschlussreich. "Bei uns im Stamm ist pflocken mehr eine Art der Bestrafung", heißt es in einem Beitrag, der vor ein paar Tagen ins Netz gestellt wurde.

Der Verein Zartbitter, der sich den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Gewalt zur Aufgabe gemacht hat, berichtete 2011, Pflocken diene in einigen Verbänden, die Kinder- und Jugendfreizeiten veranstalten, als Strafe oder als Aufnahmeritus.

Kann das sein? Müssen Eltern damit rechnen, dass ihre Kinder bei den Pfadfindern "gepflockt" werden?

"Gewaltdelikt der Freiheitsberaubung"

Eine Nachfrage bei den drei großen Pfadfinderverbänden in Deutschland ergibt: Das Ritual ist durchaus bekannt. Der Bundesvorsitzenden der katholischen Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG), Kerstin Fuchs, zufolge war es früher sogar eine Tradition.

Dass es auch jetzt noch vorkommt, überrascht die Verbände jedoch. "Wir haben schon lange nichts mehr davon gehört", sagt DPSG-Sprecher Daniel Seiler. "Wir sind davon ausgegangen, dass es nicht mehr vorkommt." Auch beim Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP) sowie dem Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP) kennt man keine aktuellen Fälle. Und alle drei Verbände sind sich darin einig, dass die Methode ihren pädagogischen Grundsätzen massiv widerspricht.

Mehr noch: "Es ist davon auszugehen, dass beim 'Pflocken' die Kriterien des Gewaltdelikts der Freiheitsberaubung erfüllt sind", sagt Carolin Harms vom BdP. Dazu kommt, "dass es für die Person, die das erleiden muss, auch eine massive Demütigung bedeutet", erklärt Diane Tempel-Bornett vom VCP. Die Verbände lehnen alles ab, "was das körperliche oder seelische Wohl der Mitglieder missachten oder verletzen könnte", so Harms.

Und die Gefahr besteht beim Pflocken nach Einschätzung von Experten. "Wenn es tatsächlich so abläuft, wie es die Augenzeugen schildern, dann erfüllt es alle wesentlichen Merkmale der Kindesmisshandlung beziehungsweise des Übergriffs gegenüber Schutzbefohlenen", sagt Klaus Neumann, Beauftragter für Kindeswohl und Kinderrechte im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen.

Aber auch "unabhängig von strafrechtlichen Folgen würde beim Auftreten eines solchen Falles der Schutz der Kinder und Jugendlichen an erster Stelle stehen", sagt Harms. Gruppenleiter, die Pflocken oder das Ritual zulassen, müssten damit rechnen, ihr Amt und möglicherweise ihre Mitgliedschaft zu verlieren.

Überrascht sind die Verbandszentralen auch deshalb, weil "wir seit Jahren viel Aufklärungsarbeit gerade in Bezug auf jede Form von Gewalt gegen Kinder leisten", sagt Seiler. "Gewalt und Grenzverletzungen sind seit vielen Jahren Themen der Ausbildung, die die Leiterinnen und Leiter durchlaufen." Das gilt für alle drei Verbände.

"Wir gehen proaktiv gegen Gewalt vor"

Vielleicht wird das Pflocken von manchen gar nicht als Gewalt wahrgenommen. "Mark scheint es nichts ausgemacht zu haben", erzählt auch einer der Pfadfinder, die das Pflocken im Frühjahr miterlebt haben. "Er hat gelacht."

Doch das ist für die Verbände kein Beleg dafür, dass das Ritual harmlos ist. "Eines der Ziele der Ausbildung unserer Leiterinnen und Leiter ist, dass sie ganz klar wissen, wie weit sie gehen dürfen", sagt Seiler. "Das gilt auch für Rituale, die vordergründig vielleicht nur Spaß machen sollen." Sogar wenn die Betroffenen bereitwillig mitzumachen scheinen, kann es sein, dass sie sich nur nicht trauen, Nein zu sagen. Dazu dürfe es gar nicht erst kommen. "Es gibt individuelle Grenzen, ab der etwas zu einem Übergriff auf die Intimsphäre wird. Diese müssen von den Leiterinnen und Leitern erkannt werden und dürfen nicht überschritten werden."

Deshalb würden die Gruppenleiter in den Schulungen auch für scheinbar harmlose Kleinigkeiten sensibilisiert, sagt Tempel-Bornett. "Schon Flaschendrehen ist ja für manche lustig, für andere aber eine Qual. Deshalb soll niemand mitmachen müssen, was er oder sie nicht mag."

Wieso aber kann es trotz des Engagements gegen Gewalt immer noch zu einem Ritual wie dem Pflocken kommen? Und wie lässt es sich in Zukunft verhindern? "Als Bundesverband sind wir verantwortlich für die Ausbildung der Leiterinnen und Leiter, aber nicht bei den zahlreichen Aktionen vor Ort dabei", räumt Seiler ein. "Deshalb hoffe ich, dass die Pfadfinderinnen und Pfadfinder in der betroffenen Gruppe sich mit dem Erlebten auseinandersetzen und es reflektieren."

Darüber hinaus würden die Stämme auch regelmäßig mit Infomaterial und Richtlinien zu Vorbeugung von Gewalt versorgt. "Wir gehen proaktiv gegen Gewalt vor", sagt er. "Pflocken darf nicht vorkommen."