Parapsychologie-Prüfung Unterirdisch, überirdisch, außerirdisch

Wenn Menschen 14 Milliarden Jahre in die Vergangenheit reisen, ihre Seele waschen und das geliebte hohe Selbst von Inge anrufen - dann sind Sie an der Uni Würzburg. Dort können Menschen ihre paranormalen Fähigkeiten checken lassen. Wer besteht, bekommt 10.000 Euro.

Von Martin Wittmann, Würzburg

Die Revolution muss noch kurz warten, weil Herr Sananda zum Rauchen gegangen ist. Endlich betritt er wieder den Vorlesungssaal, schenkt sich am Pult Wasser in die Tasse, klappt die Schreibablage eines Uni-Stuhls hoch, setzt sich, nimmt eine Denkerpose ein und gibt auf Badensisch Bescheid, dass er nun bereit sei. Sein derzeitiger Körper ist mindestens sein achtzigster. Er hat eine Glatze, einen Vollbart, ist um die 60 Jahre alt und stämmig. Als Jesus hatte er einst schlankere Hüften, als Buddha wiederum breitere, das weiß Herr Sananda dank detaillierter Überlieferungen. Aber was heißt schon wissen in diesen Tagen, in diesen trostlosen Räumen.

Ein Stockwerk tiefer liegt Sanandas Mitstreiterin Inge Lämmle auf einer Matte auf einem Tisch. Sie hat einen Arm in die Höhe gestreckt, er wird am Handgelenk gehalten von ihrer Freundin Vera, die beim selben privaten Briefdienst in Bad Waldsee arbeitet wie sie. "Ich bin die Armdrückerin", stellt sich Vera vor; das schallende Lachen der beiden, das durch das miefige Zimmer hallt, schreckt kurz die ernsten Skeptiker auf, die um die Frauen herumsitzen. Dann sagt die Armdrückerin: "Geliebtes hohes Selbst von Inge, sind wir mit diesem Arm verbunden?". Sie drückt gegen den Arm, aber der rührt sich kaum. Sie nickt einer Skeptikerin zu, die daraufhin, ganz klassisch über ihr Telefon, nach oben die Nachricht übermittelt: "Sie ist nun empfangsbereit."

Sie sind bereit für den Psi-Test, eine Überprüfung paranormaler Fähigkeiten durch die Skeptiker. Die Skeptiker, das sind Mitglieder der "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften", kurz: Gwup. Sie trafen sich erstmals 1987 aus der Überzeugung heraus, "dass Wissenschaft und kritisches Denken für die gesellschaftlichen Herausforderungen von heute und morgen wichtiger sind denn je."

Jeden Sommer laden sie in Räume der Universität Würzburg ein, um Menschen die Chance zu geben, gewissermaßen unter Laborbedingungen ihre behaupteten übernatürlichen Talente zu beweisen. Wer die Naturwissenschaftler von einer paranormalen Fähigkeit überzeugt, erhält 10.000 Euro, die von den Skeptikern privat gespendet wurden. An diesem wechselhaften Sommertag leiten die Biologen Martin Mahner und Rainer Wolf diese Tests. Mahner, mit Mitte 50 der Jüngste hier, sitzt nun mit Herrn Sananda oben. Wolf, der 3000 Euro für die Prämie spendiert hat, sitzt mit den armdrückenden Damen unten.

Sananda werden Fragen zugelost, die sehr leicht mit "ja" oder "nein" zu beantworten sind. Er liest jede Frage, schickt sie "an den Allerhöchsten", der sie wiederum an Inge im anderen Zimmer übermitteln soll. Die soll die Antwort empfangen und mit ihrem Arm kundtun: Fällt er nach leichtem Druck wie leblos auf die Matte, bedeutet dies ein "Nein", bleibt er vertikal stehen, heißt es: "ja". Zügig werden die 50 Fragen geschickt und die Antworten gegeben, nur einmal fragt Sananda, ob er eine Frage an den Allerhöchsten umformulieren dürfe. Die ursprüngliche Frage lautet: "Gab es vor den Dinosauriern schon Menschen?" Sananda aber möchte der Klarheit wegen "Menschen" durch "Homo sapiens" ersetzen. Mahner erlaubt ihm die Umformulierung so nüchtern, wie er zuvor die Testbedingungen erklärt oder Kaffee angeboten hat. Der Skeptiker verhält sich so korrekt wie möglich, nur selten rutscht ihm ein Herr Götze heraus. So hieß Herr Sananda früher.

Uwe Götze war am Boden. Mitte der 90er Jahre ging seine Firma pleite, seine Frau verließ ihn, und Ärzte diagnostizierten eine nicht behandelbare Autoimmunerkrankung. Er geriet an eine Heilerin, eine Psycho-Kinesiologin. Sie wollte den Beschwerden auf den Grund gehen und suchte mit der Arm-Methode nach seelischen Traumata. "Bei der ersten Behandlung", erzählt Sananda und kratzt sich am Bart, "suchte sie noch in meinem jetzigen Leben." Die zweite führte schon weiter zurück. Seine Schmerzen seien verschwunden, sagt er. Heute bietet er selber an, beim "Abarbeiten von Biographien" zu helfen. Vier bis sechs Stunden dauert eine Sitzung, sie kostet den Klienten - "Patienten nenne ich sie lieber nicht, aus rechtlichen Gründen" - etwa 100 Euro.