Papst Franziskus und die argentinische Militärdiktatur "Bergoglio ist ein Pilatus"

Nicht stolz, sondern enttäuscht: Der argentinische Menschenrechtsaktivist Osvaldo Bayer hält Papst Franziskus für die falsche Wahl. Ein Gespräch über Bergoglios Rolle zur Zeit der Militärherrschaft in Argentinien.

Von Karin Janker

Osvaldo Bayer kämpft seit langem. Der 86-jährige Argentinier arbeitete schon als Journalist, bevor die Militärs 1976 dort die Macht übernahmen. Während die Junta in seinem Land regierte und 30.000 Menschen verschwinden, foltern und töten ließ, musste er nach Deutschland ins Exil fliehen. Er erhielt Morddrohungen, seine Bücher wurden von den Militärs verboten. Bereits während seiner Zeit in Deutschland engagierte sich Bayer in Exilanten-Bewegungen und wurde zu Kongressen in ganz Europa eingeladen.

Nach seiner Rückkehr nach Buenos Aires 1983 ging sein Kampf weiter. Er schrieb als Journalist unter anderem für die linke Tageszeitung Página12 und veröffentlichte mehrere Bücher und Drehbücher. Außerdem setzt sich Bayer für die Aufarbeitung der Verbrechen während der Militärdiktatur und für eine Verbesserung der Menschenrechte in seinem Heimatland Argentinien ein. Ein Gespräch über die Rolle Jorge Mario Bergoglios während der Diktatur und darüber, was es für die Argentinier bedeutet, Papst zu sein.

Süddeutsche.de: Señor Bayer, sind Sie stolz darauf, dass ein Argentinier Papst ist?

Osvaldo Bayer: Überhaupt nicht. Ich fühle stattdessen eine tiefe Traurigkeit. Der Mann, der jetzt Papst ist, hat als Geistlicher in Argentinien den Kampf um Menschenrechte oder um die Aufarbeitung der Diktatur nie wirklich unterstützt. Bergoglio ist ein Pilatus, der versucht hat, seine Hände in Unschuld zu waschen.

Dabei gilt der ehemalige Erzbischof von Buenos Aires vielen als ein Mann des Volkes. Immer wieder hört man, er habe auf einen Chauffeur verzichtet und sei lieber mit klapprigen Bussen gefahren.

Das sind doch nur Gesten, reine Formsache ist das. Aber mit echter Ethik hat das nichts zu tun. Da gibt es andere: Viele Geistliche wurden während der Diktatur selbst von den Militärs verfolgt und gefangengenommen, andere setzten sich aktiv für Verfolgte ein und versteckten sie. Aber Bergoglio tat nichts davon.

Die Situation damals war schwierig. Sicherlich hatten viele nicht den Mut, sich gegen das Regime zu stellen.

Bestimmt gab es diese Leute. Aber ich frage mich: Muss so jemand dann Papst werden? Er hat sich vor allem nie erklärt. Mein Kollege, der Journalist Horacio Verbitsky, hat ihm Verrat an zwei seiner Mitbrüder vorgeworfen und diese Kritik in seinem Buch "Das Schweigen" dargelegt. Bergoglio hat dazu nie Stellung bezogen. Das enttäuscht mich.

Die Vorwürfe Verbitskys sind allerdings nur eine Seite. Auf der anderen steht der argentinische Friedensnobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel, der Bergoglio verteidigt. Pérez Esquivel sagt, dass Bergoglio kein Komplize der Diktatur war.

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Das mag stimmen, vielleicht war Bergoglio kein Kollaborateur. Aber er hat zu wenig gegen die Militärs unternommen. Er war immer schon ehrgeizig und wollte innerhalb der Kirche aufsteigen. Das war sein Ziel und das hat er geschafft.

Eignet er sich Ihrer Meinung nach denn nicht zum Oberhaupt der katholischen Kirche?

Ich glaube, ein Grund, warum Bergoglio zum Papst gewählt wurde, ist, dass endlich ein Südamerikaner Papst werden sollte. Die Katholiken sind in Südamerika in der absoluten Mehrheit, die Kirche hat großen Einfluss. Persönlich hätte ich mir aber einen Papst gewünscht, der weniger konservativ ist.

Was erwarten Sie nun vom neuen Papst - in Hinblick auf die argentinische Vergangenheit?

Ich hoffe, dass er sich entschuldigt und endlich Stellung bezieht.