Fünf Jahre Papst Franziskus Der Karneval ist vorbei

Papst Franziskus bei der wöchentlichen Generalaudienz auf dem Petersplatz im Vatikan

(Foto: AFP)

Kein Goldkreuz, nur selten ein Purpur-Umhang, stets tritt er bescheiden auf. Als Papst Franziskus hat Jorge Mario Bergoglio vor allem sein eigenes Amt enorm verändert. Manche Kardinäle sollen die Wahl heute bereuen.

Von Matthias Drobinski

Der Abend, ab dem ziemlich viel anders wird in der katholischen Kirche, ist kalt und windig in Rom. Ein bisschen linkisch tritt ein älterer Mann auf die Loggia des Petersdoms, in schlichtes Weiß gekleidet, ein Kreuz aus Blech vor der Brust. Der wartenden Menge sagt er "Guten Abend"; dann bittet er die Leute um ihren Segen. Kein Goldkreuz, kein Purpur-Umhang. Den Zeremonienmeister, der ihm die kostbaren Kleider reichen wollte, soll er angeraunzt haben: "Der Karneval ist vorbei!" Jorge Mario Bergoglio heißt der neue Papst, bislang war er Kardinal von Buenos Aires, er ist der erste Lateinamerikaner und der erste Jesuit im Amt. Er nennt sich Franziskus, nach dem Heiligen der Armen, dem scharfen Kritiker der reichen und mächtigen Zentrale in Rom. Noch nie hat das ein Papst gewagt.

Der Kardinal aus Argentinien war nur mit einem kleinen Koffer nach Rom geflogen; Bergoglio galt als Außenseiter, obwohl er schon im Konklave 2005 hinter Kardinal Joseph Ratzinger die zweitmeisten Stimmen erhalten hatte. Aber die Zeit ist reif für einen Mann von außen. Nach dem Rücktritt Benedikts ist die Krise der katholischen Kirche nicht mehr zu leugnen - zu starr, zu zentralistisch, fern den Menschen, das sagen in den Treffen vor der Papstwahl auch viele Kardinäle. Irgendwann stand Bergoglio auf und redete, keine fünf Minuten: Die Kirche sei "aufgerufen, an die Ränder zu gehen", sagte er; eine Kirche, die das nicht tut, "kreist um sich selbst. Dann wird sie krank". Das überzeugte die Kardinäle. Da könnte einer in der Lage sein, die katholische Kirche aus ihrer Erstarrung und Selbstbezogenheit zu führen.

Manche Kardinäle dürften ihre Wahl inzwischen bereuen

Fünf Jahre ist das an diesem Dienstag her. Und mancher Kardinal, heißt es, bereue mittlerweile diese Wahl - so sehr hätte dieser Franziskus ja auch nicht seine Kirche durchschütteln müssen, so radikal mit den Traditionen brechen, so verstörend kapitalismuskritisch predigen. Enttäuscht ist allerdings auch mancher Katholik, der in der ersten Euphorie gehofft haben mag, Franziskus würde nun mit der Macht und Autorität seines Amtes die Kirche von oben herab umbauen - und ändern, woran sich Europas und Nordamerikas liberale Katholiken stoßen: die Haltung zu Sexualität, Homosexualität, Scheidung, das Nein zum Frauenpriestertum.

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Von dieser Euphorie ist einiges verflogen; selbst mancher Franziskus-Begeisterter wagt nicht zu sagen, wie weit dieses Pontifikat die katholische Kirche dauerhaft verändern und wie weit es eine Anekdote der Kirchengeschichte bleiben wird. Was also ist dieser Papst - Totengräber der Tradition und Verflacher der Theologie oder ein stecken gebliebener Reformer?

Dabei lässt die bisherige Amtszeit des Papstes durchaus erkennen, dass er ein klares Programm für seine Kirche und darüber hinaus für die Christenheit hat. Der Streit um seine Amtsführung geht letztlich um die Frage, ob sich dieses Programm für ein Christentum im Zeitalter der Globalisierung durchsetzt oder nicht. Am radikalsten verändert hat Franziskus zunächst einmal das Papstamt selber: Er wohnt nach wie vor im Gästehaus Santa Marta statt im Apostolischen Palast; dort feiert er jeden Morgen den Gottesdienst, wie ein einfacher Pfarrer. Er trägt seine ausgelatschten Gesundheitsschuhe und lässt sich im Mittelklassewagen fahren. Die demonstrative (und manchmal inszenierte) Bescheidenheit ist Programm: Wenn die Kirche an der Seite der Armen stehen soll, dann müssen auch ihre Vertreter einfach leben; dann birgt jedes beeindruckende Zeremoniell die Gefahr, Instrument einer narzisstisch um sich selbst kreisenden Kirche zu sein.

Symbolisch sind auch die Handlungen und Reisen des Papstes: Am Gründonnerstag wäscht er Gefangenen oder Flüchtlingen die Füße; die erste Reise führte auf die italienische Flüchtlingsinsel Lampedusa, bei seinem Kurztrip zur Insel Lesbos nahm er ein paar der dort Gestrandeten gleich mit nach Rom. Das ist die Konsequenz eines klaren theologischen Programms. Die katholische Kirche soll sich demnach auf den Weg zu den Menschen machen. Ihr Ziel dürfe es nicht sein, stolz und schön und unversehrt dazustehen, sie müsse sich "verbeulen" lassen, wie Franziskus in seiner Programmschrift "Evangelii gaudium" ("Die Freude des Evangeliums") schreibt. Ihre Lehre, Ideen und Ideale müsse sie immer an der Wirklichkeit messen lassen. Sie solle ihre Regeln nicht über Bord werfen, aber barmherzig sein bei ihrer Anwendung - dieser Gedanke zieht sich durch sein Schreiben "Amoris Laetitia" ("Die Freude der Liebe") über Ehe und Familie, deshalb hat Franziskus 2016 zum "Heiligen Jahr der Barmherzigkeit" erklärt.

Subjekt des christlichen und kirchlichen Handelns sei der in seiner Menschenwürde gefährdete Mensch, ob arm, krank, einsam, ausgeschlossen, ökonomisch oder sexuell ausgebeutet. Subjekt sei auch die durch Raubbau und Klimawandel bedrohte Natur. Und als größten Gefährder macht Franziskus die Lebensweise in den reichen Industrienationen aus, mit ihren Folgen für die gesamte Welt: "Diese Wirtschaft tötet", schreibt er so hart wie klar in "Evangelii gaudium". In seiner Umwelt-Enzyklika "Laudato si" ruft er zur Umkehr auf: Wirtschafte die Menschheit so weiter, werde sie mit der Schöpfung zugrunde gehen.

Es ist ein großes Missverständnis, diesen Papst "liberal" zu nennen

Verständlich, dass das radikale Programm (ein großes Missverständnis ist es, diesen Papst "liberal" zu nennen) Widerspruch provoziert. Gibt die Kirche nicht ihren Wahrheitsanspruch auf, wenn sie die Wirklichkeit über die Idee stellt? Wird allseitige Barmherzigkeit nicht irgendwann banal? Die katholische Kirche drohe zu einer Nichtregierungsorganisation zu werden, fürchten Kritiker, in der das Religiöse hinter das Politische zurücktritt.

Die Schar dieser Kritiker ist vielfältig. Da gibt es konservative Blogger und Feuilletonisten, die dem Gelehrten-Papst Benedikt XVI. nachtrauern, da gibt es Bischöfe vor allem aus Afrika oder Osteuropa, die klare Regeln wünschen und keine Barmherzigkeit, da gibt es Kardinäle bis hin zu Gerhard Ludwig Müller, dem ehemaligen Präfekten der Glaubenskongregation, die den Papst mahnen, nicht den Pfad der rechten Lehre zu verlassen. Franziskus, der Irrlehrer? Manchmal macht er es seinen Kritikern leicht, wenn er daherredet, als sei er irgendein Stadtpfarrer und nicht der Papst, wenn er leichtfertig Flüchtlingslager mit Konzentrationslagern vergleicht oder findet, Katholiken sollten sich nicht vermehren "wie die Karnickel". Auch die mit viel Elan begonnene Kurienreform stockt, statt neuer Transparenz und Effizienz gibt es vielfach neue Doppelstrukturen und viele verunsicherte, gar frustrierte Mitarbeiter im Vatikan, die sich zu Weihnachten anhören müssen, sie sollten sich vor "spirituellem Alzheimer" hüten.

Die Antwort des Papstes ist manchmal Härte, wie bei der Demission Kardinal Müllers im vergangenen Jahr. Öfter aber ist sie Beharrlichkeit und Geduld; auch, weil Franziskus weiß: Würde er sich autoritär durchsetzen wollen, könnte dies die katholische Kirche zerreißen. "Die Zeit ist wichtiger als der Raum", heißt einer seiner Leitsätze; er bedeutet: Besser, als sofort und raumgreifend alles durchdrücken zu wollen, ist es, sich auf den Weg zu machen, auch ohne genau zu wissen, wohin er führen wird. Franziskus will Türen öffnen, ohne seine Kirche hindurch zu schubsen. Auf den beiden Familiensynoden, zu denen er lud, saß der Papst da und hörte den Bischöfen zu - es wird wieder debattiert in der katholischen Kirche, wie seit 30 Jahren nicht mehr, kontrovers, leidenschaftlich und manchmal auch ein bisschen hinterfotzig.

Fünf Jahre höchstens wolle er Papst sein, hat Franziskus nach seiner Wahl am 13. März 2013 gesagt - nun, da diese fünf Jahre um sind, ist von Rücktritt keine Rede mehr. Franziskus hat Spaß am Amt gefunden, heißt es im Vatikan. Und würde er jetzt zurücktreten, gäbe es furchtbare Grabenkämpfe um die Ausrichtung der katholischen Kirche. Die Zeit arbeitet für diesen Papst. Mittlerweile hat er von den 120 möglichen Wählern seines Nachfolgers ein Drittel selbst ernannt. Er wird noch ein paar Jahre dranhängen müssen, der Mann mit dem Blechkreuz vor der Brust, um sein Erbe zu sichern.

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