Papst Benedikt und Vatileaks Intrigenspiel aus rasender Eifersucht

Papst Benedikt dringt auf Klarheit in der Vatileaks-Affäre. Falls es tatsächlich zu einem öffentlichen Prozess kommt, würde vor aller Welt die Frage behandelt, wie groß der Verrat im Vorzimmer des Papstes war - und vor allem warum.

Von Matthias Drobinski

Papst Benedikt XVI. hat sich informieren lassen, höchstselbst, im Urlaub in Castelgandolfo. An diesem Freitag fuhren der vatikanische Untersuchungsrichter Piero Antonio Bonnet und Staatsanwalt Niocola Picardi in die päpstliche Sommerresidenz, um den Stand der Ermittlungen in der Vatileaks-Affäre vorzutragen. Was sie dem Papst erzählt haben, teilte der Pressesaal des Vatikans nicht mit. Nur, dass der Papst die Ermittler ermuntert habe, ihre Arbeit "mit Sorgfalt" fortzusetzen.

In den Zeiten der Vermutungen und Gerüchte erhalten jedoch auch kleine Formulierungen Bedeutung. "Mit Sorgfalt fortsetzen" - das gilt als Signal: Der Papst wünscht, dass die Wahrheit auf den Tisch soll, wie schmerzhaft sie sein mag. Am 6. oder 7. August soll entschieden werden, wie das Verfahren gegen den ehemaligen Kammerdiener Paolo Gabriele weitergeht.

Erhärtet sich der Verdacht, dass der Mann, der mittlerweile in den Hausarrest entlassen wurde, päpstliche Dokumente gestohlen hat, könnte es im Herbst einen öffentlichen Prozess geben. Vor aller Welt würde dort die Frage behandelt, wie groß der Verrat im Vorzimmer des Papstes war - und vor allem, warum er geschah.

Aktenklau für die Zukunft der heiligen Mutter Kirche

Befriedigende Antworten dürfte aber wohl auch dieser Prozess nicht liefern, dazu sind zu viele Thesen über den Aktendiebstahl in der Welt. Die einfachste Variante vertritt der Vatikan: Der Kammerdiener war ein Einzeltäter, aus falsch verstandener Liebe zur Kirche habe er Missstände anprangern wollen. Auch Gabrieles Anwalt Carlo Fusco berichtet von einem persönlichen Brief des reuigen Sünders. Dort entschuldige er sich beim Papst und betone, dass er keine Komplizen gehabt habe.

Nur glaubt das keiner so recht. Der Kammerdiener gilt als schlichtes Gemüt, der einst die Marmorböden des Vatikans geputzt hatte, ehe er in die Nähe des Papstes kam. Kaum vorstellbar, dass er ohne Auftrag handelte, ohne jemanden, der ihm klar machte, wie wichtig der Aktenklau für die Zukunft der heiligen Mutter Kirche sei.

Die gängigste Vermutung lautet: Irgendjemand wollte Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone und dem Papst-Sekretär Georg Gänswein schaden, seien es alte Seilschaften aus der Regierungszeit von Johannes Paul II., seien es neue Bündnisse, die sich in Stellung bringen wollen.

Paul Badde, der Vatikan-Korrespondent der Welt, setzt auf ein anderes Motiv: rasende Eifersucht im deutschen Umfeld des Papstes. Ihm zufolge stehen vor allem Ingrid Stampa, Josef Clemens und Paolo Sardini im Fokus der Ermittlungen; auf dem Mobiltelefon des Kammerdieners sollen sich entsprechende Kontakte mit den dreien finden.

Verrat als Rache?

Die Musikprofessorin Stampa ist seit 1991 Haushälterin, aber auch mächtige Beraterin Joseph Ratzingers, Kurienbischof Clemens war vor der Papstwahl viele Jahre Sekretär Ratzingers, Kardinal Sardi empfahl einst die Reinigungskraft Paolo Gabriele für den Posten des Kammerdieners. Sie alle hätten in den vergangenen Jahren an Macht und Einfluss verloren, der Verrat sei ihre Rache.

Nun verbindet Clemens und Gänswein tatsächlich keine tiefe Freundschaft, ist Ingrid Stampa mit der Familie des Kammerdieners befreundet, mag sich der für die Papst-Reden zuständige Kardinal zurückgesetzt fühlen. Aber legt das schon den Verrat nahe?

Vatikan-Sprecher Lombardi hat gesagt, der Vatikan bringe seine "tiefe Missbilligung" angesichts dieser Berichterstattung zum Ausdruck. Was manche überlegen lässt, ob das im Zeitalter des Zwischen-den-Zeilen-Verstehens nicht ein Indiz für den Wahrheitsgehalt dieser Geschichte ist.