Panne bei Fahndung nach Tunnel-Gangster Alles nur geklaut

Er ließ das Foto für den neuen biometrischen Reisepass machen, kurz vor dem Auslandssemester. Fünf Jahre später taucht das Passbild eines Studenten aus NRW wieder auf - bei der Fahndung nach den Tunnel-Gangstern von Berlin. Allein: Der Mann hat mit der Tat nichts zu tun.

Von Lena Jakat

Der Student hat das Passbild, mit dem Polizei und Medien Anfang dieser Woche die halbe Republik plakatierten, im Februar 2007 anfertigen lassen; für seinen neuen biometrischen Reisepass. Er veröffentlichte es auch in seinem Blog, das sich damals um das anstehende Auslandssemester drehte. Teuer, aber nicht sehr ansehnlich sei dieses neue Fotoformat, schrieb der Student darunter und vergaß die Veröffentlichung womöglich. Bis fünf Jahre später exakt dieses Passbild wieder auftauchte. In Zeitungen, im Netz, im Fernsehen.

Mit dem Foto fahndete die Polizei bis zum Mittwoch nach jenen flüchtigen Tunnel-Gangstern, die vor gut einer Woche in Berlin einen spektakulären Bank-Einbruch verübt haben. Doch der Mann auf dem Bild, der seinen Namen auf keinen Fall in der Zeitung lesen will, hat mit dem Verbrechen gar nichts zu tun. Seit er als Student das Foto in seinem Blog veröffentlichte, hat er seinen Master gemacht, geheiratet und einen Job als wissenschaftlicher Mitarbeiter eines technischen Lehrstuhls an einer Universität in Nordrhein-Westfalen angenommen. Und nun? Nun hielt man ihn kurzfristig für den meistgesuchten Bankräuber Deutschlands.

Am Mittwoch, als die Aufregung um das falsche Foto bekannt wurde, hatte der vermeintliche Gangster eigentlich Urlaub. Noch in der Nacht meldete er sich bei den Ermittlern, um die Verwechslung aufzuklären, dann bei seinem Arbeitgeber, um klarzustellen, dass er tatsächlich seinen freien Tag habe und nicht etwa im Gefängnis sitze. So schilderte es sein Kollege, der den Anruf für den Mann auf dem Fahndungsbild entgegennahm und ebenfalls anonym bleiben will. "Wir haben schon sehr darüber gelacht", erzählte der Naturwissenschaftler der SZ.

"Lediglich eine zufällige Ähnlichkeit"

Die Ermittler ruderten am Mittwoch zurück. "Inzwischen steht eindeutig fest, dass dieses Passfoto aus dem Internet herauskopiert wurde", teilte die Polizei am Vormittag mit. Das Bild aus dem Netz klebte laut Ermittlern auf einem gefälschten niederländischen Ausweis. Mithilfe des Dokuments mieteten die Gangster jenen Garagenstellplatz an, von dem aus sie in der Folge einen 45-Meter-Tunnel in den Tresorraum einer Volksbank-Filiale buddelten. Zwischen dem Verdächtigen und der Person auf dem Bild bestehe "lediglich eine zufällige Ähnlichkeit", hieß es bei der Polizei.

Ein Fehler sei die Fahndung aber nicht gewesen. "Das zuständige Kommissariat hat vor der Veröffentlichung alle Möglichkeiten genutzt, um den abgebildeten Mann zu identifizieren", sagte eine Polizeisprecherin weiter zum peinlichen Irrtum - was aber so nicht ganz richtig sein kann. Schließlich lässt sich mit einigen Kniffen und etwas Glück die Herkunft des Fotos im Netz binnen Minuten zurückverfolgen. Ein paar weitere Klicks genügen, um die wahre Identität des Unschuldigen auf dem Passbild herauszufinden.

Wie dieser sich fühlte, als er am Dienstag von dem Fahndungsaufruf erfuhr, darüber kann man nur spekulieren. Der Forscher lehnt Interviewanfragen ab. "Er fürchtet, dass neben seinem Bild auch sein Name überall zu sehen ist", sagte sein Kollege von der Universität. Der falsche Tatverdächtige bat per E-Mail um Verständnis für sein Schweigen.

Bei dem spektakulären Coup im Stadtteil Berlin-Steglitz brachen die unbekannten Täter 309 Schließfächer auf. Die Höhe ihrer Beute ist unbekannt, weil nur die Besitzer der Fächer über den Inhalt Bescheid wissen. Ein Gangster hatte in der Filiale selbst ein Schließfach angemietet, um die Sicherheitsvorkehrungen zu sondieren. Bei der Sonderkommission "Tunnel" sind bisher etwa 240 Hinweise zu dem Coup eingegangen. Seit das Foto einem westdeutschen Forscher zugeordnet wurde, fehlt jedoch eine heiße Spur.