Panama Papers Mossack-Mitarbeiter mailen sich Zeitungsartikel über den Sexverbrecher

Über den offenbar selbst für Mossack-Verhältnisse ungewöhnlichen Vorgang wurden auch Kanzleipartner in einem Memorandum informiert. Den derart auffälligen Kunden behielt die Kanzlei jedoch.

Mossack Fonseca legt bei der Aufklärung gegenüber den alarmierten Mitarbeitern der Finanzaufsicht von den Britischen Jungferninseln trotz dieser Vorgeschichte keinen besonderen Eifer an den Tag. Zu Ifex gebe es nichts besonderes, auch keine Informationen zu anderen mit ihr verbundenen Firmen. Das stimmte wieder nicht, denn Andrew M. hatte ja offenbar zwei Firmen in der Panama-Kanzlei des Deutschen Jürgen Mossack einrichten lassen, neben der Ifex auch eine Maga Global Limited. Den Akten liegt sogar eine Visitenkarte dieser Firma bei, darauf ist Andrew M. als Vizedirektor notiert. Auf eine entsprechende Anfrage der Süddeutschen Zeitung antwortete Mossack Fonseca nicht.

Im Dezember 2008 wird Andrew M. schließlich in den USA festgenommen. Viele Medien berichten ausführlich über den Multimillionär, der Kinder sexuell missbraucht und ausgebeutet haben soll, und Mossack Fonseca bekommt erneut Post von den Behörden der Britischen Jungferninseln. Diesmal wollen die Ermittler Unterlagen einsehen, die zeigen sollen, dass Mossack Fonseca diesen Kunden tatsächlich so penibel und vorschriftsmäßig überprüft hat, wie die Kanzlei stets behauptet.

Allerdings finden die Mossack-Mitarbeiter in ihren Daten nur eine Anschrift in einem Vorort von Philadelphia. Sonst nichts, nicht einmal die Kopie eines Passes. Entsprechend nervös schreiben sie den amerikanischen Vermittler an, der die Firma Ifex einst im Auftrag von Andrew M. bei Mossack Fonseca bestellt hatte. Auch dort findet sich nicht mehr als die Bescheinigung einer norwegischen Bank, bei der M. ein Konto hatte, und ein seit drei Jahren abgelaufener Führerschein. Beides schickt Mossack Fonseca im Januar 2009 schließlich an die Financial Investigation Agency der Britischen Jungferninseln. Außerdem bestätigen sie nun doch, dass M. Eigentümer der Ifex Global ist.

Wenige Tage später gesteht Andrew M. vor einem Bezirksgericht in Pennsylvania, mit drei minderjährigen russischen Mädchen Sex gehabt zu haben. Es ist ein Deal. M. gibt die Vergewaltigungen zu, dafür wird die Anklage wegen Kinderhandels fallen gelassen. Andrew M. wird schließlich im September 2009 zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Der Verdacht der Ermittler, dass M. nicht nur aus pädophiler Neigung heraus, sondern aus geschäftlichem Interesse für das Prostitutionsgeschäft bei Berenika gehandelt hatte, bleibt damit ungeahndet.

Mit den Opfern, die parallel zum Strafgerichts- einen Zivilprozess angestrengt hatten, hatte sich M. noch vor dem Urteil im Strafprozess außergerichtlich geeinigt. Es ersparte seinen Opfern immerhin eine Aussage vor Gericht. In den Unterlagen zu diesem Zivilprozess taucht der Firmenname Ifex Global ebenfalls auf. Kosten für den Kinderprostitutionsring seien als Unternehmensausgaben bei dieser Firma verbucht worden, Gewinnen wiederum sei durch die Firma "der Anschein von Legitimität" gegeben worden. Zudem sei die Homepage www.berenika.org aus M.s Privathaus beziehungsweise aus seinem Geschäft Ifex Global "kontrolliert" worden. Es stehe sogar der Verdacht im Raum, dass mit Geld von Firmenkonten russische Beamten bestochen worden seien, damit diese die Berenika-Betreiber gewähren ließen. M. bestreitet dies. Alle Anschuldigungen, er sei Teil des Berenika-Rings gewesen, basierten auf einem "Lügenmärchen" russischer Behörden. Er habe kein Geld investiert und keinen Anteil an den Berenika-Gewinnen gehabt.

Tatsächlich ist in den Gerichtsunterlagen von einer Ifex Global Inc. die Rede - nicht von der bei Mossack Fonseca bestellten Ifex Global Limited. Ob und wie diese beiden Firmen zusammenhängen, könnte nur die Einsicht in alle Gerichtsakten klären; sie sind jedoch bis auf ein paar Seiten unter Verschluss. Auf Anfrage wollte M. sich nicht öffentlich zu Ifex äußern - die entsprechende E-Mail schrieb er von einer Adresse, die auf @ifex.us endete.

Bei Mossack Fonseca haben die Anfragen von den Britischen Jungferninseln und die Zeitungsartikel über ihren Kunden Andrew M. keine Folgen. Erst im Frühjahr 2014 - fünf Jahre nach der Verurteilung - fällt der Kanzlei in Panama offenbar auf, dass einer ihrer Kunden ein verurteilter Sexualverbrecher ist. Die Mitarbeiter schicken sich intern Zeitungsartikel zu und stufen M. als "Hochrisikokunden" ein. Schließlich taucht auch die Frage auf, ob Mossack Fonseca die Behörden der Britischen Jungferninseln informieren solle.

Die Chefin der Compliance-Abteilung bei Mossack Fonseca, die über die Einhaltung von Recht und Gesetz wachen soll, plädiert dagegen - schließlich sei Ifex Global "in nichts Illegales verwickelt" gewesen, schreibt sie. Am Ende werden die Behörden nicht benachrichtigt; man sehe nicht, wie die Firma von M.s pädophilem Treiben profitiert habe.

Mossack Fonseca behält also einen verurteilten Sexualverbrecher als Offshore-Kunden, der laut Ermittlungen womöglich Geldgeber einer kriminellen Organisation war, die Sex mit Kindern organisierte. Und der im Verdacht stand, die Transaktionen im Zusammenhang mit Kinderprostitution offshore abgewickelt zu haben. Es scheint sich für Mossack Fonseca also "hinsichtlich der Person und der von ihr anvertrauten Gesellschaft kein Negativbefund eingestellt" zu haben. Tatsächlich ist Ifex Global Ltd. bis in diese Tage eine reguläre Firma. Andrew M. wurde im Dezember 2015 aus der Haft entlassen.

Mitarbeit: Will Fitzgibbon