Panama Papers Sogar mit Chauffeur: all inclusive für Sex-Touristen in Moskau

Der russische Einwanderer lebt den amerikanischen Traum, heiratet, bekommt drei Kinder, bezieht eine Villa in Philadelphia. Es ist die helle Seite seines Doppellebens.

Die dunkle lässt sich aus Ermittlungsakten und Gerichtsdokumenten rekonstruieren, die der SZ vorliegen: Im Jahr 2002 geht demnach die Webseite www.berenika.org online. Sie wirbt für etwas, das ihre Macher "romantic studio" nennen. Schon auf der Startseite ist ein nacktes Mädchen mit einer Rose in der Hand zu sehen, und es sieht jung aus, sehr jung.

Die Mädchen auf berenika.org werden geordnet nach Größe, Gewicht und BH-Körbchen angeboten, sie seien "jung und frisch" - und schon für 150 bis 300 Dollar pro Stunde zu haben. Eine ganze Nacht koste 500 Dollar. Tatsächlich gibt es auf berenika.org pro forma die Erklärung, alle Mädchen seien über 18 Jahre alt. Aber wer nach minderjährigen Mädchen sucht, sieht sofort, dass er auf der richtigen Seite gelandet ist: einem Angebot für Freier, die nach Kindern suchen. Die Mädchen wohnen in einem Apartment in Moskau und werden zum Arbeiten in einer anderen Wohnung mit den Berenika-Kunden zusammengebracht. Ein offenbar gut organisiertes Verbrechen.

Andrew M. sei einer der Geldgeber des Kinderprostitutionsrings "Berenika" - zu diesem Schluss kommen amerikanische Ermittler. Sie schreiben, M. habe investiert "in der Erwartung, dass er einen Anteil an den Gewinnen aus der Prostitution erwachsener und minderjähriger Frauen bekommen würde". Er soll die Webseite von Mai 2003 an sogar auf Englisch übersetzt haben, um westliche Kunden anzulocken, die in Moskau unterwegs waren. Professionell gemanagt sei der Betrieb und "western owned", hieß es dort, was wohl die Angst der Kunden vor der Russen-Mafia nehmen sollte. Zudem war ein Fahrdienst inklusive, die Freier wurden von ihrem Hotel abgeholt und wieder zurückgebracht- eine Art All-inclusive-Angebot für Sextouristen.

Auf der - heute längst abgeschalteten - Website fanden sich alsbald sogar Kommentare von Kunden, widerliche Rezensionen ihrer illegalen Akte. Allesamt schwer zu ertragen.

Agenten nutzten Panama-Firmen für CIA

Geheimdienstler und ihre Zuträger nutzten ausweislich der Panama Papers die Dienste der Kanzlei Mossack Fonseca. Die Agenten ließen Briefkastenfirmen gründen, um ihre Aktionen zu verschleiern. Von Will Fitzgibbon und Nicolas Richter mehr ...

Etwa zur selben Zeit, in der sich Berenika für internationale Kundschaft aufstellt, gründet Andrew M. eine Stiftung, um russischen Terroropfern zu helfen - speziell Kindern. Er wird der Präsident des "Teams USA" dieser Stiftung, der amerikanischen Niederlassung. Auf schicken Abendveranstaltungen trifft er den russischen Botschafter in den USA, lässt sich als Wohltäter auf VIP-Partys mit Hollywood-Mimen wie Heather Graham fotografieren. Selfmade-Millionär, Wohltäter, Familienvater: Das ist der Schein.

Aber der Berenika-Ring gerät ins Visier russischer Ermittler, die ihren US-Kollegen offenbar einen ersten Hinweis auf Andrew M. geben. Als der im Juli 2004 von einer seiner vielen Reisen aus Russland in die USA zurückkehrt, konfisziert die Polizei am Flughafen von Philadelphia seinen Laptop. Im Zuge weltweiter Ermittlungen werden in Russland 2005 vier Männer zu Haftstrafen verurteilt. M. hat Glück, jedenfalls zunächst. Seiner Frau gesteht er nach eigenen Angaben, in Russland lediglich eine "Affäre" gehabt zu haben. Nachzuweisen ist ihm zunächst nichts.

Erst 2007 gelingt es dem FBI, verschlüsselte Dateien seines drei Jahre zuvor am Flughafen sichergestellten Computers zu dekodieren. Jetzt finden die Ermittler E-Mails, die M. klar mit berenika.org in Verbindung bringen. Unter anderem habe er Mitarbeiter, die für Berenika arbeiteten, unter "VIP" abgespeichert.

Später stoßen Ermittler bei Recherchen auf die Firma Ifex Global Ltd, eine jener beiden Briefkastenfirmen, die 1995 von Mossack Fonseca auf den Britischen Jungferninseln gegründet wurde. Sie bitten die karibischen Behörden um Auskunft, wollen wisse, wer sich dahinter verbirgt. Die dortige Finanzaufsicht wendet sich an Mossack Fonseca, um Namen und Anschrift des Ifex-Direktors und -Shareholders zu erfragen. Mossack Fonseca antwortet, die Ifex Global gehöre einem Mann namens Dmitrij G. - Andrew M. sei lediglich Direktor.

Die internen Unterlagen von Mossack Fonseca jedoch, die der SZ durch das Daten-Leak vorliegen, führen Andrew M. ganz klar als alleinigen Anteilseigner auf. Seit 1995. Und der Mann hat sogar eine spezielle Geschichte bei Mossack Fonseca. Kurz nachdem er seine beiden Briefkastenfirmen gegründet hatte, war er zusammen mit einem Russen plötzlich persönlich in Road Town, der Hauptstadt der Britischen Jungferninseln, aufgetaucht. Bei der örtlichen Filiale der Chase-Bank wollte er auf den Namen seiner Firmen zwei Konten eröffnen, um Zehntausende Dollar zu transferieren. Noch am selben Tag, "ohne dass die Bank fähig wäre, die Vorschriften zu erfüllen", wie es in einem Memo heißt, das sich in den Panama Papers findet.