Pakistan Lebendig begraben

Fünf junge Frauen sind lebendig begraben worden, weil sie sich ihren Mann selbst aussuchen wollten. Ein Senator verteidigt das als "Tradition".

Von Oliver Meiler

Diese Geschichte aus einer vermeintlich anderen Zeit hätte nie bis nach Islamabad gelangen sollen, hätte nie in der Welt bekannt werden sollen. Die Behörden in Jafarabad, einem Bezirk in der südwestpakistanischen Provinz Belutschistan, hätten die Geschichte gerne vertuscht.

In einem abgelegenen Dorf des Bezirks sind fünf junge Frauen bei lebendigem Leib begraben worden, weil sie angeblich Schande über ihre Familien gebracht hätten. Drei von ihnen waren noch nicht einmal volljährig, zwischen 16 und 18 Jahre alt. Alle fünf hatten ihren Wunsch kundgetan, einen anderen Mann zu heiraten als jeweils jenen, den ihre Familien für sie ausgewählt hatten.

Bewaffnete Männer führten sie auf ein Feld vor dem Dorf, stellten sie in eine Reihe und schossen auf sie. Dann wurden sie in einen Graben geworfen. Sie atmeten noch, als die Männer sie mit Steinen und Erde zudeckten.

So berichtete es jedenfalls eine Lokalzeitung aus Jafarabad. Sie führte noch an, dass am Mord an den Frauen auch hochrangige Beamte beteiligt gewesen seien, selbst ein Minister. Ein Senator sah die Meldung und trug sie ins Parlament für eine Debatte über das alte und traurige Kapitel der so genannten Ehrenmorde an Frauen und Mädchen, vor allem in den ländlichen Stammesgebieten.

Jedes Jahr werden in Pakistan Hunderte Frauen meist auf brutale Weise getötet, weil sie sich zum Beispiel gegen eine arrangierte Ehe gewehrt haben, weil sie vergewaltigt worden sind, weil sie sich scheiden lassen wollten, weil sie ihren Mann betrogen haben.

Wie viele es genau sind, weiß niemand. Viele Morde werden nie gemeldet. Und nur wenige Täter werden zur Rechenschaft gezogen. In den meisten Fällen handelt es sich bei den Mördern um die Väter, Brüder oder Vettern der Opfer.

"Jahrhundertealte Tradition"

Alle bisherigen Versuche von Regierungen, diese Morde zu bekämpfen, blieben ohne Erfolg. Warum das so ist, zeigte das Votum eines nationalistischen Senators aus Belutschistan, Sardar Isralullah Zehri, der sich schon kurz nach Beginn der Debatte zu Wort meldete und der wohl meinte, er müsse die Ehre seiner Provinz retten: "Wir sollten dieses Ereignis nicht politisieren und negativ bewerten", sagte Zehri, "das sind jahrhundertealte Traditionen, und ich werde sie auch künftig verteidigen."

Zehri fügte noch an: "Nur wer sich unmoralisch aufführt, braucht sich zu fürchten." Es brandete Protest auf im Senat. Eine pakistanische Zeitung schrieb danach in ihrem Kommentar: "Die pakistanische Gesellschaft wird noch immer von Männern dominiert; Frauen werden nicht wie Menschen behandelt. Wenn ein Parlamentarier dieses Landes der Meinung ist, man sollte solch brutale Taten nicht in ein ,negatives Licht` stellen, dann steht diesem Land eine düstere Zukunft bevor." In aller Regel aber ebbt die Aufregung über solche Taten nach kurzer Zeit wieder ab.