Zwölf Millionen Menschen betroffen Neue Hungersnot überrollt Afrika

Am Horn von Afrika sind zwei Regenzeiten ausgefallen. Die Regionen im Osten erleben das trockenste Jahr seit 1950, zwölf Millionen Ostafrikaner hungern. Hilfsorganisationen warnen vor einer Tragödie: den unkontrollierbaren Hungertod, wie die Welt ihn Mitte der achtziger Jahre in Äthiopien zuließ.

Von Tim Neshitov

Vor einem Jahr bekam ein Viehzüchter in Südsomalia für eine Kuh noch 430 Kilogramm Mais. Derzeit bekommt er dafür höchstens 160 Kilogramm Mais. Die Halbnomaden versuchen, ihre Kühe möglichst schnell gegen Getreide zu tauschen, da ihre Tiere massenhaft sterben, während die Mais- und Hirsepreise unaufhaltsam steigen. In manchen Gegenden kostet die Hirse fast das Dreifache im Vergleich zum vergangenen Sommer, manche Herden sind um die Hälfte geschrumpft.

Der Grund ist die gnadenlose Dürre. Am Horn von Afrika sind zwei Regenzeiten ausgefallen. Somalia, Äthiopien, Dschibuti und der Norden Kenias erleben das trockenste Jahr seit 1950. Zwölf Millionen Ostafrikaner hungern.

Am härtesten ist Somalia betroffen, das Land ohne Staat, in dem mittlerweile eine zweite Generation aufwächst, die nichts außer Bürgerkrieg kennt. Somalia ist ein Land, in dem Milizenführer, die Lebensmittelspekulanten auf den Weltbörsen und der Klimawandel eine Mischung aus Elend und Gewalt geschaffen haben, in der das Überleben eine Kunst ist. Seit jeher fliehen Somalier in die Nachbarländer Äthiopien und Kenia, wo viele in Aufnahmelagern hausen.

Im nordkenianischen Dadaab, etwas hundert Kilometer von der Grenze entfernt, steht ein Lager, das ursprünglich für 90.000 Menschen ausgelegt war. Mittlerweile harren dort 370.000 Somalier aus. Jeden Tag kommen mehr als tausend weitere hinzu. Diese Woche ging Melissa Fleming, die Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks, in Genf vor die Presse und versuchte, die Welt auf die Katastrophe aufmerksam zu machen, indem sie von toten Flüchtlingskindern sprach. Viele kleine Somalier schaffen es zwar bis nach Dadaab, sterben dann aber innerhalb von 24 Stunden trotz Notfallversorgung an Hunger und Erschöpfung.

Die Geschichten derer, die überleben, klingen ähnlich. "Unser Vieh ist gestorben und wir konnten nichts zum Essen finden. Deswegen sind wir geflohen", sagte Maryan Abdullah einem Agenturjournalisten. Maryan Abdullah ist 32 Jahre alt und Mutter von sechs Kleinkindern, alle ohne Schuhe. Seit Dienstagabend wohnen sie in Dadaab. "Wir haben sieben Tage auf der Straße verbracht, und als wir gestern Nacht hier ankamen, haben mir die Nachbarn etwas Milch für die Kinder gegeben."

Dass Somalias Nachbarländer Kenia und Äthiopien selber von der Dürre betroffen sind, macht die Lage der Flüchtlinge nicht einfacher. Die Hilfsorganisation Care International, die unter anderem für die Lagerbewohner in Dadaab Spenden sammelt, weist darauf hin, dass auch nordkenianische Bauern, die ihre Tiere verloren haben, dringend Geld brauchen. Allein in Kenia leiden fast 2,5 Millionen Menschen unter Wassermangel.

Das Kinderhilfswerk World Vision schildert in seinem jüngsten Spendenappell die Lage von Mohammed Yusuf, Ziegenhalter und sechsfacher Vater. Im vergangenen Jahr besaß er 400 Ziegen, nun sind ihm 40 geblieben. Yusuf ist 75 Jahre alt. Er sagt: "So etwas habe ich noch nicht erlebt. Die Tiere fallen einfach tot um."

Oxfam hat mittlerweile seinen bisher größten Spendenappell für Afrika gestartet. Die Helfer wollen sich auf die drei Millionen Menschen konzentrieren, die am schwersten leiden und ohne Hilfe sterben könnten. Dafür müssen dringend 55 Millionen Euro gesammelt werden: "Dies ist die schwerste Nahrungsmittelkrise des 21. Jahrhunderts, und wir sind besorgt über die hohe Zahl von Menschenleben, die auf dem Spiel stehen."

Die Lebensmittelvorräte vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen werden in der Region voraussichtlich bis September reichen. Danach befürchten Hilfsorganisationen den unkontrollierbaren Hungerstod, wie die Welt ihn Mitte der 1980er Jahre in Äthiopien zuließ. Damals starben bis zu eine Million Menschen.

Eine Reaktion auf die Katastrophe in Äthiopien waren damals die Live-Aid-Konzerte. Eine andere war die Gründung eines internationalen Frühwarnsystems für Hungersnöte. Das Famine Early Warning Systems Network (Fews Net) wird von den USA finanziert und ist sehr gut ausgestattet, um "agroklimatisches Monitoring" zu betreiben. Seine Warnungen werden jedoch meistens erst zitiert, nachdem die Hungersnot bereits eingetreten ist. Wie auch in diesem Jahr.

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