SZ: Heißt das: Die eigentlich Gefährlichen sitzen bereits in der Mitte der Gesellschaft?
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Finger: Sogar in Schlips und Kragen. Sie arbeiten als Wirtschaftsfachmänner in internationalen Unternehmen, transferieren in Sekundenschnelle Millionen von Geldern, an denen das Blut der kleinen Leute klebt: nach Hongkong, von dort weiter nach Australien, zurück nach Europa. . . Das sind diejenigen , um die wir uns kümmern müssen.
SZ: Aber wer sind die Hummer-fahrenden Schlägertypen, deren stoische Frauen die Berliner Chanel-Boutiquen leer kaufen?
Finger: Sagen wir so: In jeder Verbrechervereinigung gibt es Ritualisierungen. Die äußerlichen - Pelze, Goldkettchen, vergoldete Gebisse, das Zurschaustellen von Reichtum - findet man meist nur an Leuten, die das für nötig halten, also: die Handlanger. Der eigentliche kriminelle Profiteur scheut sichtbare Merkmale, er hält sie nicht für professionell, weil es Teil seiner Abschottung ist, eben nicht aufzufallen.
SZ: Schauen Sie sich Mafia-Filme an?
Finger: Ja. Es gibt solche, die übertrieben erscheinen, aber tatsächlich die gegenwärtige Realität beschreiben. Andere sind so komplett überzeichnet, dass ich sie mit Fachbrille überhaupt nicht angucken kann.
SZ: Wie fanden Sie David Cronenbergs "Tödliche Versprechen", der von der Londoner Russen-Mafia handelt?
Finger: Tja. Den habe ich zur Kenntnis genommen. Als Entertainment.
SZ: Dabei hatte man als Laie hinterher das Gefühl, eine Menge über die Russen-Mafia gelernt zu haben. Zum Beispiel, dass die Mitglieder sich die eigene Lebensgeschichte auf den Körper tätowieren.
Finger: Es gibt tatsächlich Personen, die meinen, bestimmte Zeichen einer Zuordnung auf der Haut tragen zu müssen. Aber auch hier gilt: Das sind eher die Unprofessionellen auf der Ausführungsebene.
SZ: Die filmische Aufarbeitung der Realität: erscheint die Ihnen manchmal kontraproduktiv oder sogar frivol? Angeblich tragen Mafiosi ja erst Armani-Anzüge, seit sie das in "Der Pate" gesehen haben.
Finger: Wechselwirkungen gibt es schon, vor allem beim Nachwuchs, der die großen Paten und Macher imitiert. Aber oft erlebt man dann in der Vernehmungssituation, dass da mehr Schein als Sein ist.
SZ: Ist die italienische Mafia in Berlin aktiv?
Finger: Ja. Wir ermittelten in den letzten Jahren mehrfach gegen Angehörige der neapolitanischen Camorra. Und wir hatten 2006, 2007 eine Serie von Schutzgelderpressungen. Hier in meiner Akte habe ich einen Erpresserbrief, der 2007 an 55 Berliner Edelgastronomen, unter anderem im Regierungsviertel, rausging...
SZ: . . . oh, dürfte ich ihn sehen?
Finger: Bitte.
SZ: Darf ich ihn auch vorlesen?
Finger: Auch das, ja.
SZ: "Zu Ihrer Aufmerksamkeit:
Wir sind eine Genossenschaft der Fürsorge mit zehnjähriger Erfahrung, daher erlauben wir uns, dieses Schreiben zu unterbreiten; Wir garantieren Ihnen Sicherheit für Sie und Ihre Familie. Eine Versicherungspolice, die wir Ihnen raten, nicht abzulehnen. . . Jeden Monat kommen unsere Beauftragten vorbei, die sich im Namen Ihres Heiligen Beschützers vorstellen werden. Den Sie mit einer spontanen Spende preisen sollten, weil jede Spende, die nicht von Herzen gegeben wird oder die mit Verzögerung oder schlechter mit der Schmähung des Anführers, den Heiligen schmerzt . . . Aber mehr noch den Sünder . . . Wir ergreifen die Gelegenheit, Ihnen ein friedliches Weihnachten und ein reiches neues Jahr zu wünschen. "
Das klingt bedrohlich, Herr Finger. Ist das ein typisches Schreiben?
Finger: Eine nahezu wortgleiche Übertragung aus einem Schreiben der Camorra in den neunziger Jahren. Die Briefe kamen um die Weihnachtszeit. Die betroffenen Gastronomen und ihre Familien mussten über die Feiertage ein Höchstmaß an Ängsten durchstehen. Die Erpressungen waren schon sehr aggressiv, sie wurden begleitet von Brandanschlägen von bewaffneten Tätern, einer auf ein Lokal, ein anderer auf ein geparktes Fahrzeug. . .
SZ: Wie reagieren Sie auf so eine Schattenmacht?
Finger: Indem wir ein neues Polizeikonzept entwickelt haben, und zwar 14 Tage nach den sechs Duisburger Morden im August 2007: Wir sind offensiv an Bevölkerungsgruppen herangetreten, die Angriffspunkt von organisierter Kriminalität sein könnten, wie die italienische Gemeinde in Berlin , und wir haben mit der von Gastronomen und der "Union der Italiener in der Welt" spontan gebildeten Initiative "Mafia? Nein Danke!" eine Sicherheitsvereinbarung abgeschlossen: Jeder italienische Gastronom in Berlin hat ein Informationsblatt bekommen. Sobald hier irgendein Restaurant betroffen ist von einer Schutzgelderpressung oder von einer anderen Straftat mit Mafia-Bezug, werden die Kooperationspartner umgehend die Polizei verständigen.
SZ: Und dann?
Finger: Wir stellen dann sofort Ansprechpartner zur Verfügung, die sensibel, vertraulich und auf den Einzelfall abgestimmt, aber auch sehr konsequent den betroffenen Gastronomen zur Seite stehen; mit allen polizeilichen Kräften und entsprechendem technischen Knowhow, um die Kriminalität gleich im Keim zu ersticken. Diese Form der präventiven Bekämpfung der Organisierten Kriminalität hat es bundesweit noch nicht gegeben.
SZ: Herr Finger, am Schluss eine heikle Frage, aber vielleicht möchten Sie sie trotzdem beantworten: Ringt Ihnen denn der logistische Aufwand solcher Organisationen in irgendeiner Form Respekt ab?
Finger: Kriminalität ist Teil der Gesellschaft, die dunkle Seite des menschlichen Daseins. Aber meine Antwort ist auch meine Grundüberzeugung: für Verbrecher gibt es keinen Respekt.
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